8. Was ist am Menschenwesen sterblich?
Nun erlebt der Mensch allerdings am Ideal zumeist das, daß er nicht voll warm, geschweige denn feurig werden kann gegenüber dem Ideal. Es bleibt etwas Kaltes, auch wenn er es verehrt. Er wird höchstens warm, wenn er unmittelbar in einem Prozeß darinnensteht, wo das Ideal in der Außenwelt in irgendeiner Weise lebt, wo er mitgehen kann mit dem Ideal. Aber wenn das Ideal in seiner Seele rein wie ein Gedanke auferweckt wird und er dann vollinhaltlich Gefühle und Willensimpulse nur mit dem Ideal verbinden kann, so daß er auch seinen Willen darauf richtet, und wenn er dies öfter macht, wenn er zu der Konzentration auch diese Willensübungen fügt, — dann entwickelt sich in der Seele allmählich ein Gefühl dafür, daß wir nicht nur eine Anschauungs- und Erinnerungskraft haben, sondern daß wir auch etwas haben, was zwar willensartiger Natur ist, was man aber bezeichnen kann als Vorerkenntnis künftiger Ereignisse. In der Menschenseele liegt durchaus etwas von prophetischem Charakter. Nicht bloß irgendeinem Aberglauben ist dieses zuzuschreiben. Geisteswissenschaft zeigt, daß diese prophetische Gabe beim Menschen deshalb außerordentlich schwer nur in Erscheinung tritt, weil der Mensch im physischen Leibe verwenden muß die Kräfte, die ihn sonst vorfühlend dasjenige erkennen lassen würden, was an ihn heranrückt; er muß diese Kraft verwenden zum Aufbau der Leiblichkeit; sie fließt da hinein, wird verwandelt. Weil wir den vergangenen Lebensprozeß schon durchgemacht haben, sind wir imstande, dasjenige, was wir daraus zurückbehalten haben an Wachstumskräften, seelischgeistig als Erinnerungskraft anzuwenden. Indem wir im physischen Leibe der Zukunft entgegenleben, müssen wir die Kraft, die wir brauchen, um den Leib zu erhalten, im physischen Leibe anwenden. So ist es sehr schwierig, gewisse Kräfte, allerdings nicht in der Weise, wie es sich die Menschen vorstellen, sondern in einer viel intimeren und leiseren Weise, kennenzulernen. Sie sind im Menschen vorhanden. Die Geistesforschung kann sie aber so kennenlernen, daß sie dadurch begreifen lernt, daß in dem, was unsterblich in der Menschenseele ist, erwas liegt, was wirklich dieses Inhaltvolle der Seele durch den Tod hindurchträgt, hineinträgt in die Zukunft. Derjenigen Kraft selbst, die den Menschen durchträgt durch die Pforte des Todes, wird der Mensch durch diese Geisteswissenschaft wirklich inne.