8. Was ist am Menschenwesen sterblich?

GA 64/1915-02-26/p039 ·1915-02-26 · original (original)
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Lerne dich selbst erkennen! — der Spruch, der schon auf dem Apollinischen Heiligtum stand. Aber Selbsterkenntnis, die ja auf das innigste zusammenhängt mit dem Wege in die geistigen Welten hinein, sie ist gewissermaßen das Aller-, Allerschwierigste! Schon die alleräußerlichste Selbsterkenntnis ist dem Menschen etwas Schwieriges. Dafür gibt der Philosoph Ernst Mach ein kurioses Beispiel. In seiner «Analyse der Empfindungen» verrät er, wie es bei ihm mit der Selbsterkenntnis schon in bezug auf das alleräußerlichste Gebiet steht. Er erzählt, wie er einmal über die Straße ging und in einem schräggestellten Spiegel sein eigenes Bild sah. Er erschrak vor dem häßlichen, ihm widerwärtigen Gesicht, das ihm da entgegenschaute, und siehe da: es war sein eigenes. Und als er schon Professor war, passierte ihm etwas Ähnliches. Er kam ermüdet von einer Reise und bestieg einen Omnibus. Auf der anderen Seite sah er auch einen Mann einsteigen, und er dachte: Was für ein vertrockneter Schulmeister steigt denn da ein! Und wiederum entpuppte sich der Mensch, der ihm gegenüber einstieg, als er selber; er hatte sich in einem Spiegel gesehen. Und er sagt: So kannte ich den Berufshabirus besser als meinen eigenen. Wir sehen an diesem Fall, daß man sogar ein berühmter Professor sein kann und alle Eigenschaften und Kräfte zu einem berühmten Professor haben kann und doch in bezug auf die äußerlichste Selbsterkenntnis nicht sehr weit gekommen sein kann.

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