8. Was ist am Menschenwesen sterblich?

GA 64/1915-02-26/p041 ·1915-02-26 · original (original)
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Aber — und vielleicht erscheint es nicht an den Haaren herbeigezogen; denn nicht an den Haaren herbeigezogen ist auch alles dasjenige, wozu nicht bloß Logik, sondern auch Empfindungen führen, die von vielem, was in der Gegenwart geschieht, veranlaßt werden — angewiesen wird dieser Weg, der in die Geisteswissenschaft ausmünden muß, namentlich in solchen Impulsen, wie sie von Meister Eckhart eben angeführt wurden, wie sie aber noch vielfach aufgezählt werden können. Denn die Menschheit ist auf diesem Wege. Und wenn wir für die neuere Zeit hinweisen wollen auf irgend jemand, welcher auch in bezug auf das Herausarbeiten des Geistigen aus dem Materiellen wissenschaftlich auf dem Wege zur Geisteswissenschaft war, so dürfen wir auf Goethe hinweisen. Goethe, er hat ja, um nur das eine anzuführen, in seiner «Metamorphose der Pflanzen» zeigen wollen, wie im Blatt, im einzelnen Blatt dasjenige liegt, was sich umwandeln kann und sich im Umwandeln als anderes Organ darstellt. Aber auch auf anderen Gebieten war er bemüht, die Idee der Umwandlung durchzuführen. Das ist fruchtbar bei ihm geworden; das hat ihn zu merkwürdigen wissenschaftlichen Resultaten geführt, von denen einzelne heute noch von der Wissenschaft schroff abgewiesen werden. Und dennoch, viele Keime für die zukünftige geistgemäße Weltanschauung liegen in der Vorstellungsart Goethes. Wenn man sein eigenes Ideengebäude aufbaut und dieses Ideengebäude umsetzt in lebendiges geistesforscherisches Erleben, dann merkt man erst, wie fruchtbar Goethes Weltanschauung ist, die so anschaulich zum Beispiel in der kleinen Schrift «Metamorphose der Pflanzen» enthalten ist. Man merkt dann, daß die höchsten geistigen Kräfte, zu denen man erst Worte, Begriffe und Ideen suchen muß, jene Prozesse, die die Seele durchmacht, wenn sie den sterblichen Leib verläßt, schon eine Metamorphose haben in dem gewöhnlichen Gedächtnisprozeß. Man braucht nur Universalität des Geistes genug zu haben, um diesen Prozeß in Metamorphosen zu verfolgen, um ihn zu erkennen als einen Lebensprozeß der vom sterblichen Leibe freigewordenen Seele. Dann merkt man, daß dasjenige, was vom menschlichen Wesen sterblich ist, so abgesondert vergeht, wie man die zurückbleibende Blüte, die verwelkt, abgesondert versteht von dem Keime, der weitergeht zu einer neuen Pflanze. Aber nur konsequent war es, wenn Goethe diese Denkweise auch auf das Physikalische anwendet. Man versteht ihn nur heute noch nicht. Begreiflich muß es erscheinen, daß der Physiker, der da glaubt, auf dem Boden der Wahrheit zu stehen, wenn er auf dem Boden der physikalischen Hypothesen steht, die Farbenlehre Goethes ablehnt. Der tiefere Grund der Ablehnung ist kein anderer als der, daß die Goethesche Farbenlehre von einem Menschen erfaßt wird, aufgestellt wird, der die innere Triebkraft in sich wirken ließ, welche im Geistigen des Menschen lebt, und daß man heute bei den Physikern eine Farbenlehre sucht, die sich nur auf diejenigen Erkenntnisfähigkeiten des Menschen stützt; die durch den Leib vermittelt werden.

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