8. Was ist am Menschenwesen sterblich?
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist diejenige Zeit, in der man auf vielen Gebieten der flacheren Denkweise zum Opfer gefallen ist. Im deutschen Geistesleben liegen überall für dasjenige, wofür eine flachere Denkweise eingetreten ist, die tieferen Keime, die tieferen Impulse. Es wird sich allerdings darum handeln, daß eine Besinnung eintritt auf dasjenige, was «die tragenden Kräfte des deutschen Geisteslebens» sind; daß eine Besinnung darauf eintritt, wie man die wahre Entwickelungslehre nicht im Darwinistischen Sinne, sondern im Goetheschen Sinne darstellen muß. Das aber führt zu den Gedanken, die unsere heutige schwere Zeit, wie ich es schon gestern ausgeführt habe, auf manchem Gebiete zur Besinnung bringen können, daß man Siege auch noch in anderer Beziehung, als man vielleicht meint, hervorzubringen hat: den Sieg des deutschen Geisteslebens, den Sieg der tieferen Prinzipien einer Weltanschauung, wie sie vorbereitet sind im deutschen Geistesleben, — gegenüber dem, was so vielfach als das Flachere aus England herübergekommen ist. Das ist nicht chauvinistisch-national gesprochen, sondern einfach sachlich historisch gesprochen. Es wird der deutsche Geist einsehen müssen, daß noch manches Englische an seinen Ursprung zurückgeschickt werden muß. Und man kann sagen: in dieser Beziehung darf das deutsche Geistesleben hoffen, daß die in ihm liegenden Keime in Zukunft immer mehr und mehr zur Geltung kommen. Dann aber muß dasjenige, was die deutsche Seele, der deutsche Geist ist, ebenso verteidigt werden, wie er durch unsere aufopferungsvollen Zeitgenossen eben verteidigt wird. Denn da wird ein Heiligstes der Menschheit verteidigt. Nicht nur umschlossen sind deutscher Raum und deutsche Menschen wie in einer Festung von allen Seiten durch die Feinde, sondern edelstes deutsches Geistesgut ist umschlossen und wie in einer Festung belagert und muß verteidigt werden. Die Wahrheit ist überall gleich; aber das ist auch eine Wahrheit, daß nicht überall die Anlage zur Wahrheit in gleicher Art entwickelt ist. Für das deutsche Geistesleben darf gesagt werden: Die Helligkeit, die religiöse Art, in der der deutsche Idealismus sich dem Geistigen genähert hat, ist ein Anfang, um zu einer wirklichen geistgemäßen Weltanschauung immer mehr aufzusteigen. Daher darf man sich der Hoffnung, der auf wahrheitsgemäße Erkenntnis, nicht auf bloße Gefühle begründeten Hoffnung hingeben, daß dem deutschen Geist Gelegenheit gegeben sein wird, durch die Art und Weise, wie er hervorgeht aus der gegenwärtigen schweren Zeit, dasjenige auszubilden, was diejenigen gerade kennen in diesem deutschen Geiste, welche die Verbindung dieses deutschen Geistes mit dem Wege in die Geisteswelten hinein überhaupt kennen. Und wie eine Ahnung steht ein Wort Goethes da, auf das der elsässische Dichter Lienhard in seiner bemerkenswerten Broschüre «Deutschlands europäische Sendung» hingewiesen hat — ein Wort Goethes, das er im Jahre 1813 ausgesprochen hat in einem Gespräch mit Luden. Er sagt: