13. Schlaf und Tod vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft
Das, was Geisteswissenschaft immer geltend zu machen hat, beruht nicht auf philosophischer Spekulation, sondern auf dem, was die innere Erfahrung, das innere Erleben der geistigen Tatsachen genannt worden ist; die Selbständigkeit, die Insichgegründetheit des menschlichen Seelenwesens hat sie geltend zu machen, — populärer gesprochen: daß das Menschenwesen ein geistig-seelisches Dasein hat über das physisch-leibliche hinaus. Ich sagte, daß dies mit einer gesunden, auf wissenschaftlichem Boden stehenden Philosophie durchaus in Einklang steht, weil viele Menschen aus der Denkweise unserer Gegenwart heraus eine solche Behauptung als das Extrem aller Unwissenschaftlichkeit empfinden. Leicht hat man es vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus zu sagen: Wie kann man vom menschlichen Seelenwesen als von etwas Selbständigem sprechen, wenn doch die Physiologen zeigen, daß alles in Abhängigkeit steht von dem, was sich am Menschen körperlich entwickelt. Man sehe, wie, wenn ein Teil des Gehirns verletzt wird, durch den Ausfall eines Teils der Gehirnverrichtungen sofort Störungen auftreten. Muß man da nicht zu dem Gedanken geführt werden, daß in dem normal sich verhaltenden Nervensystem oder Gehirn die Seelentätigkeiten liegen? Man kann darauf hinweisen, wie mit dem jugendlichen Menschen die geistigen Fähigkeiten wachsen, wie im Alter, wo das äußere System verdorrt, verhärtet, die geistigen Fähigkeiten abnehmen und so weiter. Auf Grund solcher Beobachtungen ließe sich so mancher Gedankengang formen, der auf die Idee bringen müßte, daß das geistige Erleben im Grunde in nichts anderem als in der Tätigkeit des Nervensystems und des übrigen Organismus bestehe. Hören wir, wie ein scharfsinniger Philosoph, Otto Liebmann, den ich in meinen «Rätseln der Philosophie» erwähnt habe, darüber denkt. Er gehört nicht zu denen, die . etwas auf leichtgeschürztes Denken hin behaupten, sondern er gibt, was die Tatsachen der Analyse des menschlichen Denkens zu geben vermögen. Er setzt sich mit dem Glauben auseinander, daß die menschliche Seele nur im Physischen bestehe, und sagt bemerkenswerte Worte, einer scharfsinnigen Philosophie entsprechend, die mit dem gegenwärtigen Stand der Naturwissenschaft übereinstimmt. Kurz zusammengefaßt sagt er: Es sei zwar keineswegs ganz sicher, was Munk und andere hinsichtlich der Abhängigkeit der Seelentätigkeit vom Gehirn festgestellt haben, weil beispielsweise ein verletzter Teil des Gehirns durch andere Funktionen ersetzt werden kann. Aber wären wir ans Ziel gelangt, so würde man grundsätzlich doch nichts anderes ersehen. Das heißt, die moderne Philosophie sagt, man könne noch so weit kommen im Studium der Verbindung des Seelischen mit dem Leiblichen, man käme doch nicht weiter als zu wissen, daß man sich bestimmter innerer Organe bedienen muß, wenn man denken, fühlen und wollen will. Man kann die Parallele ziehen, daß man gewisse Partien des Gehirns für die Seele brauchen müsse, wie man sich der Hand bedient, um zu greifen. Aber wenn wir uns dieser Hand bedienen, um zu greifen, so kommt die mechanische Verrichtung der Hand zum Seelischen dazu. Nicht so können wir von den seelischen Verrichtungen des Gehirns sprechen. Das rührt indessen nur davon her, daß die Untersuchungen der Naturwissenschaft nicht abgeschlossen sind. Indem sie sich weiterbewegt, um die Verbindung zwischen dem Physischen und dem Seelischen nachzuweisen, wird sie finden, daß zwischen Denken, Fühlen, Wollen und dem Nervensystem ein anderer Zusammenhang ist als zwischen der Hand und dem Greifen. Sie wird finden, daß sie etwa so zusammenhängen: wie die Abdrücke, welche die Füße im aufgeweichten Erdboden machen, mit der Erde.