13. Schlaf und Tod vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft
Was spezifisch im Gehirn zu finden ist, wird man von der Seelentätigkeit ableiten können, wie man die Fußstapfen auf der Erde von den Füßen ableiten kann. Wie ein Zusammenhang zwischen Gehen und Fußstapfen nicht sein könnte ohne festen Boden, so ist es mit allem, was verrichtet wird im physischen Leib. Von allem, was der Mensch denkt und will, findet sich ein Abdruck im Nervensystem in der physischen Leiblichkeit; aber es geht nicht daraus hervor, so wenig wie die Fußstapfen aus der Erde hervorgehen. Man braucht den physischen Leib als Widerstandsfläche, wie man die feste Erde zum Gehen braucht. Daher ist es selbstverständlich, daß man Abdrücke finden muß. Es ist ein wissenschaftlich berechtigtes Bemühen, sie zu finden; aber es ist unwissenschaftlich, das aus dem Leiblichen herausholen zu wollen, was durch das Seelisch-Geistige hineingedrückt ist. Insofern ist die Liebmannsche Behauptung falsch. Der Abdruck ist nur die Begleiterscheinung des Seelisch-Geistigen. Gerade das wird die Naturwissenschaft mit ihren Mitteln im eminentesten Sinne beweisen; sie wird zeigen, wie man die Spuren verfolgen kann, aber nicht sie aus dem Organismus heraus erklären wollen. Die Naturwissenschaft ist schon auf diesem Wege; schon heute könnte der vollgültige Beweis dafür erbracht werden. Die Geisteswissenschaft bestreitet nichts von dem, was an der Naturwissenschaft berechtigt ist; die Geisteswissenschaft läßt die Naturwissenschaft durchaus gelten. Lehnt sie sich doch nur gegen den unberechtigten Machtspruch der Naturwissenschafter auf, etwas zu treiben, was man dort selber nicht weiß, — gegen die Despotie der Wissenschafter. Das geht noch weiter. Man könnte bei einzelnen Philosophen fast handgreiflich fassen, wie sie in das hineintreiben, was Geisteswissenschaft darlegen will, gleich im Anschluß zum Beispiel an das, was schon von Otto Liebmann angeführt worden ist. Was er sagt, ist mustergültig in bezug auf Scharfsinn und Zergliederung. Er meint, es könne jemand sagen, im Hühnerei sei nicht nur Eiweiß und Dotter, sondern auch ein Gespenst; das verkörpere sich, picke die Schale auf, laufe heraus und picke sofort die ausgestreuten Körner auf. Man könnte begreifen, daß jemand das als Witz auffassen würde. Aber es ist von Otto Liebmann durchaus nicht als Witz gemeint. Er fährt fort, daß sich nichts dagegen einwenden lasse, als daß man die Präposition «im» nicht räumlich, sondern metaphysisch fassen müsse. So verstanden ist sie ganz richtig, sagt Otto Liebmann. Die Tatsache liegt vor, daß ein scharfsinniger Philosoph sich eingestehen muß: man könne nichts dagegen einwenden, wenn gesagt wird, im Hühnerei sitze nicht nur Dotter und Eiweiß, sondern auch ein unsichtbares Gespenst, das sich materialisiert. Otto Liebmann glaubt aber nicht, daß man gleich nach dem Lesen von ein paar Büchern eine Weltanschauung machen müsse, sondern er will sorgfältig abwägen, in welcher Weise der Mensch seine Denktätigkeit in Bewegung setzt. Aus den geisteswissenschaftlichen Vorträgen kann man ersehen, wie das, was Otto Liebmann hier als «Gespenst» anspricht, das sich materialisiert, im Menschen selber als ein Übersinnliches vorhanden ist.