13. Schlaf und Tod vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft
Wir sehen, welch intimer Vorgang zugrunde liegt. Was real geschieht, ist wie ein Vorüberhuschendes. Wenn man es in wissenschaftliche Formen bringen will, so ist das, was zurückbleibt, wie eine Erinnerung, — wie eine Erinnerung an vorüberhuschende Träume. Daher kommt man zu Erfolgen in der ‚Geisteswissenschaft nicht dadurch, daß man Schlußfolgerungen an Schlußfolgerungen reiht, an das, was man schon hat, — es ist nicht eine logische Erinnerung, nicht ein Denken, sondern es entsteht ein Wachsen durch solche vorüberhuschende Momente. Daher kann auch der Geistesforscher, wenn er niederschreibt, was er so gewinnt, nicht verfahren wie derjenige, der aus der Erinnerung beschreibt. Er kann sich zum Beispiel nicht anmaßen, zu sagen, ein Vortrag, den er zum zwölften Male hält, sei leichter, weil er in der Erinnerung gefestigt ist. Geisteswissenschaftlich kann man, wenn man wirklich ehrlich sein will, nichts so in Erinnerung übergehen lassen, sondern es muß immer neu aus der inneren Seelenarbeit heraus gesprochen werden, nicht aus der Erinnerung. Daher ist ein Vortrag das vierzehnte, fünfzehnte Mal so neu wie das erste Mal. Es ist vielmehr eine gewollte Verrichtung, ein fortwährend Aktives, Tätigkeit Entwickelndes in der Seele. Daher wird bei ehrlicher geisteswissenschaftlicher Darstellung derjenige, welcher aus unmittelbarem Zusammenhang mit der geistigen Welt etwas darstellt, jedesmal versuchen, die Worte neu zu prägen. Gerade deshalb kann allein eine innere, wirkliche Ehrlichkeit zur Darstellung des Geisteswissenschaftlichen führen. Wer lügen will, sagt man, muß ein gutes Gedächtnis haben. Der Geistesforscher muß dagegen im höchsten Grade von der Ehrlichkeit imprägniert sein. Er darf nicht färben; dann wird das, was er sagt, schon zusammenstimmen mit dem, an das er sich nicht in der gewöhnlichen Weise zu erinnern braucht. Aber die Erinnerungsweise des gewöhnlichen Bewußtseins kann man nicht anwenden.