4. Menschenseele und Menschengeist

GA 65/1915-12-10/p003 ·1915-12-10 · original (original)
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Derjenige wird immer in bezug auf die Auffassung in eine schiefe Stellung kommen gegenüber der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist und wie ich sie seit Jahren hier vortragen durfte, der in dieser Geisteswissenschaft, namentlich in ihren Wegen und Methoden etwas der gewöhnlichen Menschennatur, dem gewöhnlichen Menschenleben ganz absonderlich Fernes, Fremdes, gewissermaßen Jenseitiges sieht; der in der Geistesforschung etwas sieht, das nur erworben werden kann durch besondere, außerordentliche Gaben, die der gewöhnlichen Menschennatur nicht zugänglich seien. Demgegenüber wurde ja hier immer wieder und wiederum betont: Geisteswissenschaft will nichts anderes sein, als für das geistige Gebiet die echte Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, insofern diese in der neueren Zeit ihre Methoden gefunden hat, die sie in bezug auf die Erforschung der materiellen, der äußerlich sinnlichen Erscheinungen, zu früher ungeahnten Ergebnissen und Erfolgen geführt hat. Die Schwierigkeit in der Auffassung der ganzen Gesinnung und der ganzen Absicht der Geisteswissenschaft liegt darinnen, daß es der Mensch vom Gesichtspunkte der gegenwärtigen Weltanschauungsgesinnung aus schwer hat, einzusehen, daß diese Geisteswissenschaft im Grunde genommen nichts anderes will, als die inneren menschlichen Denk- und sonstigen Seelenerlebnisse in einer ähnlichen Weise auszubilden, durch rein innerliche Vorgänge auszubilden, wie gewisse äußerliche Hantierungen, gewisse äußerliche Verrichtungen verfeinert und ausgebildet werden im naturwissenschaftlichen Experiment. So wie das naturwissenschaftliche Experiment, durch das der Natur ihre Geheimnisse abgelauscht werden sollen, im Grunde genommen nichts anderes ist, als eine Verfeinerung, in gewissem Sinne eine Erhöhung, wenn ich das Wort brauchen darf, von Verrichtungen, die sonst auch mit äußerlich materiellen Dingen vorgenommen werden, die nur in einem gewissen, sagen wir, methodischen Sinne vorgenommen werden, so daß durch ihre Zusammenstellung die Natur ihre Geheimnisse der Menschenseele enthüllt. So wie das naturwissenschaftliche Experiment nichts anderes ist als eine Fortsetzung gewissermaßen der äußeren Betätigung des Menschen, so ist auch das geisteswissenschaftliche Forschen nichts anderes als eine Fortsetzung, sagen wir, eine Verfeinerung desjenigen, was die Menschenseele im gewöhnlichen Verlaufe des Lebens und in der gewöhnlichen Wissenschaft an Denk- und anderen Seelenverrichtungen vollbringt. Das ist die eine Schwierigkeit, daß der Weg von dem einen zu dem anderen nicht immer zum Beispiel in der heute vor acht Tagen hier angedeuteten Weise gesucht wird.

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Cite: GA 65/1915-12-10/p003 · edition original