{"corpus":"steiner","locus":"GA 65/1915-12-10/p004","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Die andere Schwierigkeit besteht darinnen, daß der Mensch den Ergebnissen der Naturwissenschaft gegenüber viel mehr als er glaubt, dasjenige, was ihm dargeboten wird, hinnimmt, wenn er es nach seinem gesunden Menschenverstande einleuchtend findet, auch dann, wenn er nicht die Methoden selbst anwendet, die Experimente im Laboratorium oder auf der Klinik selber ausführen kann. Es besteht da nicht das Begehren, unmittelbar alles selbst zu suchen, sondern sich mit dem gesunden Menschenverstand zu dem zu stellen, was der Forscher gibt, der sich bekannt gemacht hat mit der Handhabung der Methoden. In bezug auf Geisteswissenschaft liegt für den Forscher gar nichts anderes als bei der Naturwissenschaft vor. Er gibt von sich aus in derselben Weise, aus derselben Denkrichtung heraus dasjenige, was er nun durch intime innere Seelenvorgänge so objektiv erforscht, wie die Naturgeheimnisse durch die Experimente erforscht werden. Und er rechnet ebenso darauf, daß die Zustimmung erfolgt durch den gesunden Menschenverstand, der für dasjenige spricht, was das innere Experiment, wie ich mich heute vor acht Tagen ausdrückte, zu geben hat. Nun besteht aber gegenüber den Ergebnissen der Geisteswissenschaft, gegenüber den Geheimnissen des Ganges der Entwickelung, der Schicksale der menschlichen Seele, das Begehren aller Menschen, nicht nur Forschungsergebnisse entgegenzunehmen, sondern dasjenige, was sie auf diesem Gebiete für richtig halten sollen, selber mehr oder weniger zu erforschen. Diejenigen Wege, die die Seele bei jedem Menschen nehmen kann und die zum Beispiel in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» angedeutet sind, ergeben nun zwar für jede Menschenseele die Möglichkeit, sich zu überzeugen und in sich selber zu bewahrheiten, was der Geistesforscher zu sagen hat, indem eben in der Seele diese intimen, inneren Vorgänge erlebt werden. Aber es müssen eben diese Wege gegangen werden. Und da erhebt sich dann, obzwar immer wieder und wiederum von vielen mit diesem Wege der Anfang gemacht wird, die innerliche subjektive Schwierigkeit, daß diese Wege- ich kann nicht sagen schwierig sind, aber schwierig befunden werden von den Menschenseelen, daß sie die Geduld verlieren nach den ersten Schritten, oder mindestens nicht die Neigung haben, sie mit derselben Gewissenhaftigkeit zu machen, mit der der Naturforscher ein Experiment herrichtet. Und bei alledem spricht ein gewisser Glaube in der Menschenseele mit, ein Glaube, der gegenüber der wirklichen Geistesforschung ein Vorurteil ist; aber im Menschenleben entscheiden eben in den meisten Fällen Vorurteile. Es erhebt sich der Glaube, daß die Menschenseele, so wie sie einmal ist, wenn sie sich nur ein wenig besinnt, wenn sie nur ein wenig diejenigen Denkgewohnheiten entwickelt, diejenigen Denkverrichtungen erlebt, auslebt, die so unmittelbar im Leben gegeben sind, dann doch darauf kommen müsse, welches die Geheimnisse der inneren Menschennatur sind. Man hat das Gefühl: Es darf nicht schwierig sein, das Allerrätselhafteste, das es auf der Welt gibt, in der äußeren Welt gibt, den Menschen selber, in seiner Wesenheit zu erkennen. Man hat einmal dieses Gefühl, es dürfe nicht schwierig sein. Um den inneren Zusammenhang eines Uhrwerkes zu erkennen, läßt man sich darauf ein, die Dinge zu studieren. Gegenüber dem Kompliziertesten, dem Rätselhaftesten, das es in der uns umgebenden Sinneswelt gibt, der Menschennatur, möchte man sich eigentlich am liebsten dem Glauben hingeben, daß die volle Wahrheit über das Wesen des Menschen jeder erkennen könne, ohne daß er sich erst auf einen gewissen Standpunkt vorbereitet, ohne daß er erst innerliche Seelenwege macht, um die eigene Natur zu erkennen. Man kann ja meinen, es wäre ja recht gut, bequem, schön vielleicht, wenn das so wäre, wenn man gar keine Vorbereitung brauchte, um das Menschenwesen zu erforschen. Aber man kann demgegenüber nur sagen: Es ist eben nicht so, sondern es bedarf, um das Menschenwesen in seiner innersten Natur zu erforschen, der Wege der Geistesforschung. Das ist eine Wahrheit. Und ob oder wie der Mensch sich damit abfindet, das kommt nicht in Betracht gegenüber dieser Wahrheit. Der Mensch muß sich erst durch einen Vorbereitungsweg die Mittel aneignen, durch die er sich sein eigenes Geheimnis enthüllen kann.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"4. Menschenseele und Menschengeist","site_heading":null,"date":"1915-12-10","location":null,"word_count":640,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/65/1915-12-10/p004","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/65/1915-12-10/p004"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/65/1915-12-10/p004","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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