{"corpus":"steiner","locus":"GA 65/1915-12-10/p005","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Und trotzdem: Dasjenige, was Ausgangspunkte sind, das ist durchaus kein Geheimnis. Schon der Vortrag vor acht Tagen hat das zeigen können, und ich will mit ein paar Worten heute noch einmal auf das Prinzipielle wenigstens zurückkommen. Jeder Mensch denkt im Leben, bildet sein Denken weiter aus, wenn er es dem wissenschaftlichen Gebrauche weiht. Das Denken, das Vorstellen ist eine alltägliche innere Seelenbetätigung. Auf nichts anderes kommt es nun an, als diesem Denken gegenüber sich in einer solchen Weise zu stellen, wie man sich eben im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft nicht stellt, um die Wege des Geistigen zu erforschen. Im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft bildet sich der Mensch Vorstellungen, Begriffe und Ideen, um durch diese etwas ÄAußerliches abzubilden. Und er ist dann befriedigt, wenn er in seinen Vorstellungen sich etwas Äußerliches abbildet. Er nennt mit Recht für das gewöhnliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft dies die Wahrheit, daß er sich Vorstellungen machen kann, die ihm eine äußerliche Wirklichkeit abbilden, innerlich vergegenwärtigen, sie ihn innerlich nacherleben lassen. Nun ist darauf aufmerksam gemacht worden, daß da, wo dieses gewöhnliche Vorstellen des alltäglichen Lebens und auch das Denken der gewöhnlichen Wissenschaft endet, erst dasjenige anfängt, was notwendig ist für die Erforschung des geistigen Lebens des Menschen. Das heißt: das Denken, dasselbe Denken, das man im alltäglichen Leben handhabt, hat man nur in einer anderen Weise innerlich zu erleben, in einer anderen Weise innerlich zu erkraften, als es im gewöhnlichen Leben und innerhalb der gewöhnlichen Wissenschaft erlebt und erkraftet wird. Es wird erkraftet, wie ich angedeutet habe, durch jenen inneren Vorgang, der gewissermaßen — das Wort soll nicht mißverstanden werden — das innerliche, intime, rein seelische Experiment darstellt, der es wenigstens einleitet durch den Vorgang, den man wirkliches Meditieren - wenn es nicht pedantisch klingen würde, könnte man sagen «im technischen Sinne des Wortes» — nennt. Da wird gedacht, um das Denken innerlich zu erkraften, um den Vorgang des Denkens zu erleben. Den erlebt man ja gewöhnlich nicht. Man glaubt ihn im gewöhnlichen Leben oder in der gewöhnlichen Wissenschaft zu erleben. Man erlebt ihn da nicht. Man hat ihn, man handhabt ihn, man wendet dieses Denken an; aber die Seele ist dabei auf die Außenwelt gerichtet, auf etwas Wirkliches außer dem Denken. Daß man auf das Denken selber hin achten kann, darauf kommt es an. Dazu muß es aber verstärkt werden. Das heißt: es muß so getrieben werden, wie es eben im Sinne der Meditation getrieben wird, daß man das Denken in Bewegung bringt, nun nicht um sich etwas Äußerliches zu vergegenwärtigen, nicht um etwas Äußerliches innerlich aufleben zu lassen, abzubilden, sondern um innerlich nur diesen Vorgang, diesen Prozeß des Denkens zu erleben und im Erleben anzuschauen. Darauf kommt es an. Und dazu ist es eben notwendig, daß man nun nicht sich den Seelenvorgängen des gewöhnlichen Lebens überläßt, sondern durch innere Willkür, aus völlig freiem Willen heraus ich gebe hier das Prinzipielle, das Genauere finden Sie in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» — leicht überschaubare Vorstellungen, in das Denken hinein versetzt, solche Vorstellungen, bei denen man sicher sein kann, daß nicht allerlei innere Reminiszenzen auftauchen und einem das klare Erleben des Vorganges verdunkeln; am besten sinnbildliche Vorstellungen, die gar nichts Äußeres abbilden sollen, die gar nicht dazu dienen sollen, ein Äußerliches wirklich zu vergegenwärtigen, sondern die nur dazu dienen sollen, das Denken in Fluß, in Bewegung zu bringen und dadurch innerlich zu erkraften, so daß man dieses Denken nicht bloß übt, sondern innerlich erlebt, daß man sich nun wirklich als innerlicher Denkmensch erlebt, so wie man sich sonst innerlich in seinem Muskelgefühl erlebt.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"4. Menschenseele und Menschengeist","site_heading":null,"date":"1915-12-10","location":null,"word_count":599,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/65/1915-12-10/p005","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/65/1915-12-10/p005"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/65/1915-12-10/p005","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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