{"corpus":"steiner","locus":"GA 65/1915-12-10/p006","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wenn man auf diese Weise nach der einen Seite hin die Seelenentwickelung treibt, so kommt man dadurch, wie ich dargestellt habe, zu einem gewissen Punkte, der ein bedeutsames, ja, ein erschütterndes inneres Erlebnis darstellt. Und ich will noch einmal charakterisieren, wie man sich durch dieses Erlebnis ganz anders zur Menschennatur stellt, als man sich zu ihr gewöhnlich im Leben stellt. Es stimmt mit der naturwissenschaftlichen Denkungsweise, diese sogar bis in ihre äußersten Konsequenzen treibend, die geisteswissenschaftliche Auffassung vollständig überein. Innerhalb des gewöhnlichen Denkens, das man als in der Sinnenwelt verkörperter Mensch treibt, braucht man zu diesem Denken ein Organ. Und nicht nur dies, sondern jedesmal, wenn man denkt, muß erst ein innerlicher Vorgang ablaufen, der nicht ins Denken, gar nicht einmal ins Bewußtsein hereinfallen kann, der vorangehen muß dem Denken. Das Denken kann erst ablaufen, wenn es innerlich organmäßig vorbereitet ist. So daß jedesmal, wenn man denkt, zweierlei verläuft: ein Prozeß, von dem man nichts weiß, der erst den Organismus, den äußeren Leib zubereitet, so daß da jene Vorgänge stattfinden, die dann als Gedanke, als Vorstellung zum Bewußtsein kommen. Dadurch daß man meditiert, daß man gleichsam alle Seelenkräfte konzentriert auf eine bestimmte Vorstellung, sie so zusammendrängt, im Denken stille hält, nicht den Ablauf des Denkens so verfließen läßt wie im gewöhnlichen Leben, sondern im Denken stille hält, das heißt, den Gedanken anhält, und nun denkt, nicht um etwas Äußerliches abzubilden, sondern um das innerliche Denken zu erspüren, den Prozeß des Denkens zu erspüren, — indem man dies vollbringt, merkt man innerlich: Was man eigentlich bisher getrieben hat als Denken, wie man sich im Denken betätigt hat, das hört auf. Man kommt nicht aus einer klaren Auffassung des Bewußtseins heraus, man kommt nicht in ein Nebuloses hinein; aber dieses Denken, das an dem Prozeß der äußeren Welt in seinem Flusse fortgeführt wird, das hört als solches auf. Man kommt in ein innerliches Erlebnis, das einen zunächst viel mehr mit einem selbst zusammenführt, das einen hineinführt in denjenigen Vorgang, der vorgedanklich ist, der erst unseren Leib zubereitet, damit wir das Denken entfalten können. Man kommt unter das Denken hinunter. Das läßt sich nicht auf eine andere Weise beweisen, als nur im unmittelbaren Erleben. Dasjenige Denken, das man im gewöhnlichen Leben hat, das erscheint einem wie ein hinlaufender Fluß. Jetzt weiß man: jetzt ist man in einer tieferen Schichte des Seins, jetzt ist man in dem Prozeß drinnen, den man im gewöhnlichen Leben nicht erleben kann, weil er dem Denken vorangehen muß.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"4. Menschenseele und Menschengeist","site_heading":null,"date":"1915-12-10","location":null,"word_count":409,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/65/1915-12-10/p006","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/65/1915-12-10/p006"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/65/1915-12-10/p006","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}