{"corpus":"steiner","locus":"GA 65/1915-12-10/p007","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Das ist der Prozeß, der aber, wenn er in Geduld, mit Ausdauer und Energie fortgesetzt wird, wie es vor acht Tagen angegeben worden ist, weit führt; es dauert für einen Menschen kürzer, für manchen Menschen jahrelang, obwohl die einzelne Übung nicht übertrieben werden soll. Dieses innerliche Erlebnis führt dahin, dasjenige, was im Denken liegt, jetzt nicht bloß zu erdenken, sondern zu erleben. Das heißt: das Denken nicht so zu erleben, wie es ein Äußeres abbildet, sondern wie es im Menschen gestaltet, wie es erst den Organismus ergreift und im Menschen gestaltet. Zunächst weiß man nicht, was dieses innere Erlebnis eigentlich bedeutet. Man fühlt sozusagen, wie wenn man an der oder jener Stelle unter das gewöhnliche Seelenleben herunterkäme in eine Welt hinein, die man bisher nicht gekannt hat. Dann aber lernt man als erstes bedeutsames Ergebnis kennen dasjenige, was als Lebendiges im Denken liegt und was vorangegangen ist unserer physischen Leibesgestaltung, vorangegangen ist vor allen Dingen demjenigen Punkte des menschlichen Erlebens, bis zu dem man sich im späteren Leben zurückerinnert, bis zur Geburt, bis zur Empfängnis und weiter hinauf. Das heißt, man lernt sich erkennen als Geistesmensch, der nun nicht in uns lebt, um den Organismus als Organ zur Wahrnehmung der äußeren Welt zu benutzen, sondern als Geistesmensch, der gestaltet hat vor unserer Geburt, oder, sagen wir, vor der Empfängnis dasjenige, was von dem Menschengeist, von der Menschenseele aus am menschlichen Leibe gestaltet werden muß. Man lernt erlebend erkennen, was sich aus jener Dreiheit gestaltet, die sich ergibt aus Vater und Mutter, aber auch aus dem, was jenseits der Vererbungslinie liegt und herunterkommt aus der geistigen Welt, um sich mit dem zu verbinden, was durch die Vererbungslinie gegeben wird. Dazu ist eben nur notwendig, den Prozeß des Denkens zu vertiefen, den Prozeß des Denkens innerlich zu erkraften. Man kann sich hinführen — natürlich nicht durch das gewöhnliche Denken - zu der Anschauung — denn eine Anschauung muß es sein — desjenigen, was unserer Geburt oder unserer Empfängnis vorangegangen ist, was aus der geistigen Welt herunterkommt, um sich in der physischen Welt mit dem physischen Leibe, der durch die Vererbungsströmung gegeben ist, zu verbinden. Derjenige, der einen Beweis dafür verlangt, müßte sich erst bekannt machen mit der Natur alles gewöhnlichen Beweisens. Tatsachen kann man überhaupt nicht beweisen. Man denke nur einmal, daß niemals irgend jemand einen Walfisch gesehen hätte. Es würde niemals jemand beweisen können aus irgendwelchen zoologischen Kenntnissen heraus, daß es einen Walfisch gibt. Es gibt keine Möglichkeit, aus irgendwelchen Begriffen und Vorstellungen zu der Wirklichkeit hinzuführen, wenn der Verlauf der Begriffe und Vorstellungen so gemeint ist, wie er eben für das gewöhnliche Leben abläuft. Und so führt dies, was uns auf der einen Seite hinausführt aus der Welt, in der wir leben zwischen Geburt und Tod, hinein in jene Welt,aus der wir geschritten sind herein in unsere physische Verkörperung, in die wir hinausschreiten, wenn wir durch die Pforte des \"Todes gehen. So führt der Weg, der nach der einen Seite uns hinausführt aus dieser sinnlichen Welt in die geistige Welt, durch eine besondere innere Entwickelung, eine besondere innere Handhabe des Denkens. Und da muß denn gesagt werden: Obzwar Geisteswissenschaft in ihrer ganzen Gesinnung, in ihrer ganzen Stellung zur Welt wirklich aus dem Geiste der naturwissenschaftlichen Gesinnung heraus arbeitet, ergibt sich eben doch jene Verschiedenheit von der gewöhnlichen Naturwissenschaft, die dadurch bedingt ist, daß die Naturwissenschaft auf die äußere Welt gerichtet ist und daß die Geisteswissenschaft dasselbe, was die Naturwissenschaft für die äußere Welt tun will, für die Welt des Geistes tun will. Dadurch allerdings stellt sich trotz des völligen Einklanges ein Unterschied — nicht ein Gegensatz, ein Unterschied — heraus, der sich von vielen Seiten her charakterisieren ließe, der sich aber für unsere heutigen Zwecke in der folgenden Weise charakterisieren läßt: Für das gewöhnliche Leben und die gewöhnliche Wissenschaft ist dasjenige, was wir im Denken vollbringen, das Schlußergebnis, dasjenige, zu dem wir hinkommen wollen. Indem wir denkend arbeiten in der äußeren Wirklichkeit, kommen wir eben zu dem, was wir haben wollen von der äußeren Wirklichkeit. Alle die Verrichtungen, sofern sie Seelenverrichtungen sind, die wir anwenden zur Erkenntnis der äußeren Welt und des Lebens in dieser äußeren Welt, sind nur Vorbereitung da, wo es sich um den geisteswissenschaftlichen Weg handelt. In der äußeren Wissenschaft, in der äußeren Welt denkt man, damit man zu dem Denkergebnis kommt. Aber dieses Denken, wie man es da übt, das bereitet nur die Seele zu, damit die Seele durch dieses Denken zu einem Punkte des inneren Erlebens kommt, auf dem ihr entgegentritt die geistige Welt. Alles das also, was uns das äußere Leben an Denken, an Denkkraft, an Denkergebnissen der äußeren Wissenschaft geben kann, das wird in der Geisteswissenschaft anders verwendet als im gewöhnlichen Leben und der gewöhnlichen Wissenschaft. Es wird so verwendet, daß es nur das Denken, die denkende Seite des Menschengeistes und der Menschenseele bildet zu einem gewissen Punkte hin. Was Ergebnis ist im gewöhnlichen Leben, in der gewöhnlichen Wissenschaft, ist lebendige Vorbereitung für die Geisteswissenschaft. Und dasjenige, was sich dann als Tatsache ergibt, wie ich es eben in der elementarsten Art geschildert habe, kommt nicht während der Anstrengung. Die innere Anstrengung geht nur dahin, die Seele bis zu einem gewissen Punkte zu führen. Da bleibt man noch im Grunde genommen im Bereich des gewöhnlichen Lebens, solange man sich innerlich anstrengt, solange man in der Meditation drinnen ist. Erst dann, wenn man eben die Anstrengung vollzogen hat, wenn man nun sie auf die Seele hat wirken lassen und dann wiederum unterdrückt und ruhig wartet, kommen die geisteswissenschaftlichen Ergebnisse. Die können nur auftreten als geistige Tatsachen, zu deren Anblick man sich so vorbereitet hat, daß man sich das innerliche geistige Auge geschaffen hat. Wie die Natur im menschlichen Organismus das Auge heraustreibt aus dem Leibe, damit es entgegenblickt der äußeren Welt und das Licht und die Farben empfängt, so arbeitet man durch alles das, was Denken, was innerliche Seelenanstrengung sein kann, darauf hin, dem entgegenzugehen, das einem eben von der anderen Seite entgegenkommen soll und entgegenkommen muß. Innere Offenbarung, inneres Herankommen an die Seele muß dasjenige sein, was einem als Tatsache der geistigen Welt entgegentritt. Das ist die eine Seite,","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"4. Menschenseele und Menschengeist","site_heading":null,"date":"1915-12-10","location":null,"word_count":1015,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/65/1915-12-10/p007","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/65/1915-12-10/p007"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/65/1915-12-10/p007","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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