{"corpus":"steiner","locus":"GA 65/1915-12-10/p012","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Indem man das Denken in der Weise bildet, wie es geschildert worden ist, kommt man dazu, nach der einen Seite in die geistige Welt hineinzukommen. Es kommt einem das vorgeburtliche Leben entgegen, das Leben der Menschenseele in der geistigen Welt, und von da ausgehend dann eine Anschauung der geistigen Welt selber mit ihren Geisteswesen. Das kommt einem so entgegen, daß man es anschaulich hat. Aber man muß sich darüber klar sein, daß diese Anschauung sich unterscheidet von den Anschauungen, von den Wahrnehmungen, Empfindungen, die man gegenüber der äußeren Sinnenwelt hat. Wer glaubt, dieses Anschauen könne ihm so aufgehen, daß es gleichsam nur eine nebelartige Wiederholung der Anschauung der Sinnenwelt ist, irrt sich vollständig. Man muß sich vielmehr klar sein, daß alles, was die Sinnenwelt eben zur Sinnenwelt macht, daran liegt, daß wir es mit unseren Organen anschauen. Solche Farben, wie sie in der äußeren Sinneswelt sind, können nur durch ein Auge wahrgenommen werden, solche Töne, wie sie in der äußeren Welt sind, nur durch ein sinnliches Ohr gehört werden. Dennoch kann man von Anschauen, von geistigem Anschauen sprechen. Man kann von einem Seelen-, von einem Geistesauge sprechen, wenn man sich nach dieser Seite hin der geistigen Welt nähert, um dieses Goethe-Wort «Geistesauge» zu brauchen. Nur dadurch unterscheidet sich dieses Anschauen, daß man sich bei einem solchen wahren Hellsehen immer bewußt ist — so wie man sich beim Schreiben bewußt ist, daß man dasjenige, was als Wirklichkeit zum Ausdruck kommen soll, selber als Anschauung hinstellt -, daß man die Anschauung selber hervorruft. Aber bei diesem Selberhervorrufen folgt man einer inneren Wirklichkeit, einer geistigen Wirklichkeit, wie man auch beim Schreiben nicht etwas Beliebiges hinkritzelt, sondern eine innere Wirklichkeit zum Ausdruck bringt, allerdings eine innere Wirklichkeit, die der äußeren Welt angehört. Dieses viel aktivere, immer tätige innere Mitarbeiten mit der Anschauung ist gerade das, was dieses — ich sage jetzt: wahre — innere Hellsehen unterscheidet von der äußeren Sinnenwahrnehmung, die uns passiv gegeben wird, die an uns heranrückt, indem wir ihr das Auge entgegenhalten. Aber auch zu dieser Fähigkeit, die geistige Welt auf geistige Art nachzuzeichnen, kommen wir nur, wenn wir die Vorbereitung getroffen haben, so daß uns die geistige Welt als Ergebnis entgegenkommt. Aus diesem Erlebnis heraus zeichnet dann die Seele die Anschauung, und sie hat das Bedürfnis dazu, weil es einem inneren Triebe entspricht, dasjenige nun auch wirklich anschaulich vor sich zu haben, was sonst eben als Erlebnis webt und lebt, aber noch nicht Wirklichkeit, Realität ist.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"4. Menschenseele und Menschengeist","site_heading":null,"date":"1915-12-10","location":null,"word_count":406,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/65/1915-12-10/p012","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/65/1915-12-10/p012"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/65/1915-12-10/p012","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}