4. Menschenseele und Menschengeist

GA 65/1915-12-10/p020 ·1915-12-10 · original (original)
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So kann man sagen: Geisteswissenschaft ist ein Aufsuchen — man redet nicht einmal richtig, wenn man von einer Fortentwickelung der Seele spricht -, es ist ein Aufsuchen desjenigen, was in der Menschenseele und im Menschengeist als die tieferen Kräfte liegt, auf die man nur den Blick nicht hinrichtet, weil man sozusagen das Geistesohr und Geistesauge, das Organ dafür nicht geschaffen hat und den Blick im gewöhnlichen Leben nicht darauf hinrichtet. Ein Aufsuchen der ewigen Kräfte der Menschenseele ist es. Und wenn man das festhält, dann kommt man dazu, folgendes zu sagen, das ja, wenn man es so ausspricht, überraschend sein kann, das aber für den, der den eigentlichen Tatbestand durchschaut eine Selbstverständlichkeit ist. Außerlich angeschaut ist Geisteswissenschaft, das heißt die wirkliche Erkenntnis der Menschenseele und des Menschengeistes, heute noch etwas, was von dem größten Teil der Menschheit als eine Phantasterei, als Träumerei, als etwas Unsinniges angesehen wird, dem sich eben so ein paar Menschen hingeben können, denen eigentlich ihr gesunder Menschenverstand durch irgend etwas abhanden gekommen ist. Innerlich angesehen, der Wahrheit nach angesehen, hat eigentlich der Geistesforscher keinen Gegner in der Welt. Und das Kuriose ist dabei, daß der Geistesforscher nichts anderes behauptet als etwas, worin ihm im Grunde genommen jeder Mensch zustimmt — mit den allergeringsten Ausnahmen, die wiederum auf besonders absonderlichen Seelenzuständen beruhen. Mit geringen Ausnahmen muß ihm eigentlich jeder Mensch in Wahrheit zustimmen — nur weiß er es nicht, nur glaubt er, daß er ihm nicht zustimmen kann. Das ist es! Denn wer sich nur dessen bewußt ist, daß er denkend durch die Welt geht, der kann in Wirklichkeit nicht mehr Gegner des Geistesforschers sein. Denn jeder, der denkend durch die Welt geht, zeigt damit, daß das Denken etwas in der Welt bedeutet; er gibt damit zu, daß das Denken ein Prozeß ist, der sich über der Sinnenwelt abspielt. Indem wir denken, erleben wir innerlich etwas, was sich über der Sinnenwelt abspielt, was nicht zur Sinnenwelt hinzugehört, man kann vielleicht auch sagen, was sich unter der Sinnenwelt abspielt. Das gibt man in dem Momente zu, wo man genau denkt. Man gibt es eben nicht zu, und dadurch ist man Gegner der Geisteswissenschaft. Man gibt es in dem Momente zu, wo man sich klar macht, daß das Denken auch im gewöhnlichen Leben kein Bild von der äußeren Welt entwickeln könnte, wenn es in dieser äußeren Welt, in der Sinnenwelt darin stände. Denn wenn das Denken zur Sinnenwelt gehörte, so könnte es ebensowenig ein Bild machen der Sinnenwelt, wie die Flamme ein Bild machen kann von der Kerze. Sie ist Produkt der Kerze, aber das Produkt kann niemals ein Bild machen. So daß derjenige, der in diesem Sinne Gegner der Geistigkeit des Denkens sein will, überhaupt Gegner der Geistigkeit sein müßte. Denn das Denken ist in sich selbst etwas über der Sinneswelt, weil es durch innerliche Aufraffung, durch eine innerliche Seelentätigkeit hervorgerufen wird, also nicht bloß durch Prozesse, die sich so abspielen wie die übrigen Leibesprozesse. Das ergibt sich eben einfach dadurch, daß man dieses Denken urteilen läßt über die Sinnenwelt. Und indem man dieses zugibt, daß das Denken nicht herausquille aus der Sinnenwelt, sondern daß es urteilt über die Sinnenwelt, stellt man sich schon auf den Standpunkt, daß das Denken als solches nicht zur Sinnenwelt gehört, daß es etwas Geistiges ist. Wollte man sich auf den Standpunkt stellen, daß es nichts Geistiges ist, daß es aus der Sinnenwelt herausquillt, dann müßte man seine Gegnerschaft ganz anders einrichten. Und nur der darf wirklich konsequenterweise Gegner der Geistigkeit des Denkens sein, der sagt: Ich glaube nicht, daß dieses Denken irgendeine Bedeutung über die Sinneswelt hat, also höre ich auf zu denken. Ich erkrafte mich nicht innerlich zu irgend einem Gedanken, sondern ich überlasse mich der Sinneswelt; da muß ja das Denken dann von selber kommen. — Wer das Denken nicht abschafft, kann niemals Gegner der Geistigkeit des Denkens sein, wenn er nur wirklich richtig denkt; wenn er nur mit seinem Denken bis zu den entsprechenden Konsequenzen ‚geht. In der Tat, in der Praxis sind alle diejenigen, die denken, dieser Anschauung. Denn jede andere Anschauung ist nicht eine Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft, sondern eine Gegnerschaft gegen sich selbst. Man behauptet etwas anderes, als man in der Praxis übt. Wer das Denken überhaupt ausübt, bekennt damit, daß das Denken geistig ist.

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Cite: GA 65/1915-12-10/p020 · edition original