4. Menschenseele und Menschengeist
Wiederum ist im Grunde genommen jeder Mensch, wenn er sich selbst versteht, Anhänger der Geisteswissenschaft, auch in bezug auf dieses Wollen. Denn wer nicht zugibt, daß im Willen etwas steckt, was ebenso innerlich bewußt ist, wie wir bewußt sind in unserem gewöhnlichen physischen Denken, wer nicht zugibt, daß da ein weiterer, innerlicher Mensch im Menschen drinnen steckt, kommt durch konsequentes Denken dazu, sich sagen zu müssen: Leugne ich, daß sich da etwas in mir vollzieht, was sich zu mir verhält, wie meine Anschauung sich in der Tat zur äußeren Natur verhält, glaube ich, daß der bloße physische Organismus mein Wollen vollzieht, dann muß ich die Konsequenz daraus ziehen: dann muß ich mich nicht mehr innerlich zu einem Wollen aufraffen, dann muß ich nicht daran glauben, ich könnte einen Schritt im Leben durch einen innerlich geistig gefaßten Antrieb machen, sondern ich muß mich hinlegen und warten, bis mein Organismus in der Welt herumwandelt und dasjenige tut, dem ich dann bloß zuzuschauen brauche, Wer also das Wollen nicht so leugnet, daß er sich auf den Diwan hinlegt und sagt: Ich leugne das Wollen, das ist im physischen Organismus verankert, — der glaubt an diesen inneren Zuschauer. Und das andere ist dann nur ein Weiterentwickeln dieser unmittelbar durch wahres, gesundes, inneres Sichversenken erlangten Überzeugung, daß dieser Zuschauer da ist. Daher kommt der Geistesforscher zu der Einsicht: Gegner habe ich eigentlich gar nicht in Wirklichkeit. Gegner sind die Menschen immer nur von sich selber. Sie geben in der Theorie, durch ihre mißverstandenen Begriffe nicht zu, was sie praktisch, indem sie leben, zugeben. Der Geistesforscher spricht einfach aus, was in jedes Menschen natürlicher Weltauffassung liegt. Und so wird man immer mehr und mehr einsehen, daß der Geistesforscher nichts anderes ausspricht, als was die Menschen eigentlich im gewöhnlichen natürlichen Leben zwischen den Zeilen des Lebens unbewußt als ihre greifbare Weltanschauung darleben, wenn sie es auch aus Mißverständnis nicht aussprechen. Das wird man immer mehr und mehr gerade gegenüber der Geisteswissenschaft einsehen. Dann wird Geisteswissenschaft nicht mehr als etwas Absonderliches erscheinen, sondern als die selbstverständliche Erklärung und als die selbstverständliche Durchgeistigung, die man für das Leben braucht.