4. Menschenseele und Menschengeist

GA 65/1915-12-10/p030 ·1915-12-10 · original (original)
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Wer den Weg der Geistesforschung geht, hat daher vor allen Dingen darauf zu achten, daß dasjenige, was er als Geist entwickelt, nicht die Grundlage des seelischen Lebens vermissen läßt. Der Geist kann sich nur dadurch von der Wirklichkeit der eigenen Persönlichkeit und damit von dem Ergreifen der Weltwirklichkeit entfernen, daß in der Seele nicht Liebe waltet. Wenn in der Seele Liebe waltet, wenn die Seele durchwallt und durchkraftet wird von dem Element der Liebe, dann ist sie stark genug, um den Geist zu halten, in welch lichtvolle Höhen er sich auch erheben mag. Und wiederum, wenn der Mensch es nicht verschmäht, Weisheit zu suchen in der Welt, weisheitsvolle Zusammenhänge — nicht Weisheit, die mit Gescheitheit identisch ist, sondern demutsvolle Weisheit, die in der Welt waltet -, wenn er diese Weisheit in sich selber sich vergegenwärtigen will und nun nicht bloß mit dem Verstande, nicht bloß mit der Abstraktion erfaßt, sondern untertauchen läßt in die liebevolle Seele; wenn alles das, was Weisheit, Licht ist, durchwärmt wird von dem, was in der Seele aufsteigt, was den Menschen ins Leben als einen Menschenliebenden hineinstellt, so wie ihn anderseits die Weisheit, der Geist zum Menschenkenner macht, dann hinwiederum ist dieses geeignet, den Menschen vom Egoismus abzuleiten und die Liebe wirklich hinaufzutragen in dasjenige, was er, indem er zu der Liebe die Erkenntnis hinzufügt, als ein Überschauen der Welt erleben kann: der Geist, der in der liebenden Seele wurzelt, warme Seelenliebe, die sich vom Geiste durchleuchten läßt, das ist ein Menschheitsideal.

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Cite: GA 65/1915-12-10/p030 · edition original