4. Menschenseele und Menschengeist
Und im Grunde genommen gibt eben dieses Menschheitsideal ein jeder zu, wie das ausgeführt worden ist. Geisteswissenschaft hat nur durch Mißverständnisse Gegner. So daß man auch in besonderem Falle sagen kann: der Geisteswissenschafter ist wirklich mit dem, was die Leute sagen, ja gerade oftmals mit dem, was sie gegen die Geisteswissenschaft sagen, völlig einig. Wenn zum Beispiel im SeptemberHeft des «Neuen Merkur» Leonard Nelson einen sehr geistvollen Aufsatz über die gegenwärtigen Zeitaufgaben in bezug auf Philosophie geschrieben hat, so scheint es so, als ob all das, was Nelson, der zu den geistreichsten Menschen der Gegenwart gehört, dort ausspricht, sich prägen ließe als Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft. Die Gegenprobe wäre die, daß der Geistesforscher zu nichts, was dieser Mann sagt, nein zu sagen braucht. Da stellt Leonard Nelson auf der einen Seite dar, wie der Mensch ausartet, wenn er bloß den Verstand ausbildet; wie er dadurch in eine Abstraktion hineinkommt, die ihn zu keiner wirklich lebensvollen Philosophie führen kann. In viel konsequenterem, höherem Sinn muß das der Geistesforscher zugeben, der die Qual der Skepsis, der Zweifel sucht, die zum Leiden wird, aufzeigt, wenn der Geist in einseitiger Weise, ohne den Wurzelgrund der Seelenliebe, sich entwickeln will. Nur weist Nelson eben auf das Denken hin und weiß nichts davon, daß sich in dieses selbe Denken, wenn es erlebt wird, eine ganz andere Welt einschleicht, eine Welt, die viel inhaltsreicher ist als die sinnliche Welt und die ihm verschlossen bleibt. Man ist mit dem, was er positiv behauptet, völlig einverstanden. Nur läßt er sich nicht darauf ein, mit sich selbst einverstanden zu sein, er mißversteht sich selber. Ebenso ist man einverstanden, wenn er nach der anderen Seite sagt: Wenn der Mensch sich nun in seine eigene Natur vertieft, in sich hineinbrütet, da kommt ein falscher Mystizismus zutage, da kommt der Mensch in ein nebuloses innerliches Träumen hinein. Nur durch das Denken will er nicht verankert sein; gerade vom Gefühl glaubt er, dem Weltengrunde näher zu sein. In Wahrheit ist es nur ein Subjektives, was da erreicht wird. Vollständig einverstanden ist der Geistesforscher damit, was in positiver Weise gesagt wird. Nur weiß der Verfasser des Aufsatzes wiederum nicht, daß man damit etwas ganz Neues entdeckt, wenn man nur den rechten Weg geht. Er versteht sich selber nicht und widerlegt sich im Grunde nur selber, indem er eine andere Anschauung hat, als er, wenn ich den paradoxen Ausdruck gebrauchen darf, als Anschauung betätigt, praktisch ausübt. Dasjenige, was er tut, ist völlig übereinstimmend mit der Geisteswissenschaft. Der Geistesforscher ist im Grunde genommen von dem, was die Menschen wirklich meinen, kein Gegner; und sie sind nur deshalb Gegner, weil sie sich mißverstehen und dadurch ihn mißverstehen, an ihm vorbeireden.