{"corpus":"steiner","locus":"GA 65/1915-12-10/p032","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Das sieht man auch, wenn der Mensch, der da glaubt, auf einem anderen Boden der Weltanschauung als dem der Geisteswissenschaft stehen zu müssen, und zwar gerade aus den sicheren Ergebnissen der Naturwissenschaft heraus, sich einmal gehen läßt und dasjenige, was er sich nur vormacht, ersetzt durch das, was in ihm auf naturgemäße Weise lebt. Ich habe gestern über einen Denker gesprochen, und aus dem Vorgebrachten werden Sie ersehen haben, daß ich diesen Denker aufs höchste achte. Es ist der österreichische Philosoph Bartholomäus von Carneri. Ich schätze Carneri deswegen, weil er mit so starkem Geiste versuchte, eine Ethik, eine Sittenlehre aus dem Darwinismus heraus zu entwickeln. Aber er steht auf dem Boden, der Gedanken hervorbringt, die sich selbstverständlich zu dem, was die Geisteswissenschaft sagt, gegnerisch verhalten, weil er sich selber wiederum nicht versteht, weil er Dinge vorbringt, die dem widersprechen, was er betätigt. Nehmen wir einmal an, ein solcher Mann läßt sich gehen und lebt innerlich das, was er nur in einer für sich selbst mißverständlichen Weise ausdenkt. Nehmen wir an, ein solcher Mensch käme zu einem Augenblick, wo er sich dem Leben überließe und nicht seinem auf schiefen Bahnen gehenden Denken. Nehmen wir an, er überließe sich elementar dem Leben und spräche aus innerer Kraft, derselben Kraft, die ihn auch zu seinem schiefen Denken gebracht hat. Bei Carneri können wir das beobachten. Carneri war eigentlich schon als Krüppel geboren worden, mit einer verkrümmten Wirbelsäule, war unter den größten Qualen herangewachsen und ein sehr alter Herr geworden. Das Leben war für ihn wirklich Qual. Er konnte nur mit der linken Hand schreiben, die rechte Hand war das ganze Leben hindurch völlig gelähmt, ebenso sonst die ganze rechte Seite in. gewisser Beziehung unbrauchbar, dazu fortwährend jene Störungen des Atmens, die mit einem solchen Organismus verbunden sind. Dabei stand der Mann ganz auf darwinistischem Boden und suchte zugleich eine Weltanschauung auch für die Ethik zu begründen, die absieht von dem, was man in mißverstandener Weise Dualismus nennt, aber eben in mißverstandener Weise. Schließlich könnte man auch behaupten: Wasser ist nur eine Einheit. Wasser ist aber keine Einheit, denn es besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff. Man durchbricht wahrhaftig nicht das Monon, wenn man von Leib, Seele, Geist spricht, aber Carneri glaubte das nun einmal. Wir können ihn da gerade fassen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"4. Menschenseele und Menschengeist","site_heading":null,"date":"1915-12-10","location":null,"word_count":376,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/65/1915-12-10/p032","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/65/1915-12-10/p032"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/65/1915-12-10/p032","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}