14. Die deutsche Seele in ihrer Entwickelung
Diejenigen der verehrten Zuhörer, welche öfter bei diesen Vorträgen sind, die ich nun schon seit Jahren hier in diesem Saale halten darf, wissen, daß ich nur in den allerseltensten Fällen in diese Betrachtungen persönliche Bemerkungen einmische. Heute aber möchte ich Sie bitten, mir einleitungsweise eine solche persönliche oder wenigstens anscheinend persönliche Bemerkung zu gestatten. Denn ich müßte mir eigentlich recht albern, einfältig vorkommen, wenn ich glauben könnte, daß meine Ausführungen gerade zu diesem heute gestellten Thema etwas anderes sein könnten, als etwas höchst Unvollkommenes, ja vielleicht sogar Stümperhaftes. Dasjenige, was ich skizzenhaft andeuten will mit Bezug auf das Wesen und die Entwickelung der deutschen Volksseele, könnte der Teil, sagen wir, ein Kapitel einer Wissenschaft sein, die es aber heute noch nicht gibt, einer Wissenschaft, die einem vorschweben kann als ein hohes Ideal. Aber was müßte alles zusammenarbeiten, um eine solche Wissenschaft wirklich zustande zu bringen! Erstens müßte vielleicht nicht eine, sondern eine Reihe von Persönlichkeiten müßte zusammenwirken, die den hingebungsvollen Forschersinn für alles, was Volkswesen, Volksart, Volksentwickelung ausmacht, hat, den etwa Jakob Grimm gehabt hat, der ja seine Studien auf die beiden Äußerungen der Volksseele, die Mythe, die Sage und die Sprache, hauptsächlich gelenkt hat. Allein, derselbe Geist müßte sich verbreiten über viele andere Äußerungen des Volksseelenwesens und müßte in der Lage sein, Gesetze über dieses Volksseelenwesen zu finden, welche sich mit einigen der so wunderbaren Gesetze vergleichen können, die über die Sprache zum Beispiel der deutsche ausgezeichnete Forscher Jakob Grimm gefunden hat.