14. Die deutsche Seele in ihrer Entwickelung
Nun, selbstverständlich kann ich mich nicht einer solchen Wissenschaft rühmen. Allein, es war mir doch Gelegenheit geboten, die langjährige Freundschaft eines guten Nachfolgers und Schülers Jakob Grimms zu genießen, des österreichischen Dialekt-, Sagen- und Mythenforschers, später auch Goethe-Forschers Karl Julius Schröer. Ich habe darüber ja schon in diesen Vorträgen gesprochen, außer über das, was er, ich möchte sagen, so recht aus dem Geiste Jakob Grimms heraus zu erforschen versuchte, namentlich über die intimen Lebensbeziehungen der deutschen Volksseele zu den verschiedenen Volksseelen, die in Österreich walten. Was er über das Wesen und die Bedeutung der deutschen, in Österreich herrschenden Dialekte zu ergründen versuchte — und es sind da viele herrschend -, daran durfte ich durch viele Jahre — und ich darf sagen, mit innigem Anteil - teilnehmen, durfte dann auch sehen, wie Volkswesenheit, namentlich also deutsche Volkswesenheit sich da auslebt, wo sie sich hineinschieben muß in slawisches, in magyarisches Volkstum. Man konnte schon gerade in denjenigen Jahren, in denen ich jung war, Studien machen über die gegenseitigen Beziehungen von Volksseelen. Wenn man ins Auge faßte, was sich in den siebziger, in den achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts in Österreich abspielte, da konnte man lebendig anwenden, was solch ein Forscher, der Schüler Jakob Grimms ist, aus seiner Wissenschaft heraus über das Volksseelenwesen zur Geltung bringen kann. Und dann durfte ich das vertiefen, was sich mir auf diese Weise geboten hatte, wiederum durch eine intime Freundschaft mit dem nun gleich Schröer längst schon verstorbenen Sagen- und Mythenforscher Ludwig Laistner, dem Freunde Paul Heyses. Und so war mir wenigstens Gelegenheit geboten, die Art und Weise kennenzulernen, wie man sich hineinleben kann in jene äußere Wissenschaft, die alles das zusammenfaßt, was gesetzmäßig im Volksseelenwesen und seiner Entwickelung waltet.