14. Die deutsche Seele in ihrer Entwickelung

GA 65/1916-04-13/p032 ·1916-04-13 · original (original)
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Und stellen wir all diesem gegenüber, aber wirklich nicht um Werturteile zu fällen, sondern nur um Eigentümlichkeiten hervorzuheben, den Grundcharakter der deutschen Seele, der deutschen Volksseele. Gerade das, was ich über die deutsche Volksseele werde zu sagen haben, das ist wunderbar zu erhärten, nicht bloß aus den Anschauungen, die der Deutsche hat und haben kann über das, was in seiner Seele lebt und leibt, in der Seele lebt und aus der Seele leibt, sondern — wenn man in ruhigen, objektiver sich aussprechenden Zeiten, als die unsrigen es sind, die anderen Völker hört -, sondern ebenso aus den Äußerungen der anderen Völker, gerade aus den Eindrücken unbefangener Beobachtung bei den anderen Völkern. Diese deutsche Volksseele hat wirklich etwas höchst Eigentümliches; es ist ja, ich möchte sagen, gewissermaßen unbehaglich, das gerade als Deutscher sagen zu müssen — aber sie hat eben etwas höchst Eigentümliches. Es sollen nicht Werturteile gefällt werden, sondern es soll objektiv zu Werke gegangen werden, wenn man ihren Grundcharakter prüft, so findet man, daß sie nun den Menschen durchtränkt, durchwirkt, ihm einen gewissen Stimmungsgehalt gibt, so daß die Kräfte, die in dieser Volksseele sind, verwandt sind mit all dem, was im Menschen seelisch ist vom Anfang der zwanziger Jahre bis in den Anfang der vierziger Jahre, bis zum zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten, fünfundvierzigsten Jahre. Das ist das Merkwürdige der deutschen Volksseele. Wenn das die anderen Nationen unbehaglich berühren sollte, dann brauchen sie sich ja nur damit zu trösten, daß dasjenige, was beim Menschen gewissermaßen ausgegossen ist über drei Lebensabschnitte, eben mit einer schwächeren Kraft wirkt, gewissermaßen verdünnt wirkt, während das, was die anderen Volksorganismen angeht, eben mit einer stärkeren Kraft wirkt, stärker den Menschen durchdringt. Ich möchte sagen, wie einem in bezug auf das andere, das ich gesagt habe, gerade an einzelnen Beispielen diese Dinge in einer wunderbaren Weise klar werden können, so können einem durch gewisse Erscheinungen die Tatsachen über die deutsche Volksseele klar werden, die eben angedeutet worden sind. Wer da in der Sprache, wie ich sagte, nicht unmittelbar die Volksseele selber betrachtet, sondern eine Wirkung der Volksseele, der wird sich nicht wundern, daß in der Sprache eben ein wunderbarer Genius wirkt. Es wirkt eben der Genius, der die Volksseele ist. Und wie oft ist die Sprache gescheiter als wir! Wie oft finden wir nachher erst das heraus, was in der Sprache genial ausgedrückt ist. Freilich kann man solche Dinge nur charakterisieren, wenn man sich bewußt ist, daß die Dinge, wie man sagt, eigentlich in einer Sprache nur so gesagt werden können, in einer anderen Sprache anders gesagt werden müßten. Aber das, was ich jetzt sage, kann in deutscher Sprache gesagt werden. Dasjenige, was sich zum Beispiel in zwei Bezeichnungen ausdrückt, es ist wunderbar genial gestaltet: Wir sagen nicht «Vatersprache» und «Mutterland» in der gewöhnlichen Sprache. Wir sagen «Muttersprache» und «Vaterland». Und das drückt für den Geisteswissenschafter in vollster Beziehung aus die ganze Art und Weise, wie die heimatliche Landschaft durch die väterliche Vererbungsvermittelung auf den Menschen übergeht und wiederum in sein Unbewußtes hineinwirkt; und wie dasjenige, was in der Sprache lebt, von der mütterlichen Seite aus durch die Vererbungskräfte auf den Menschen überströmt. Aber vieles, vieles andere könnte angeführt werden. Für das, was ich eben als Eigentümlichkeit der deutschen Volksseele gesagt habe, trat mir eine Erfahrung immer wieder entgegen, eine Erfahrung, die ich ja vielleicht leichter machen konnte als mancher andere, da ich einen großen Teil meines Lebens, fast drei Jahrzehnte, in Österreich verbracht habe. Sehen konnte ich — in späteren Jahren im innigen Einklange mit der Mundartenforschung meines sehr verehrten Lehrers und Freundes Schröer -, wie die deutsche Volksseele sich entwickelt, wenn sie sich so hineinschiebt in andere Volksseelen-Gebiete, hineinschiebt in das tschechische Volksseelengebiet, in Ost-, in Westungarn, wo ja unter dem schönen Namen Heanzen Deutsche leben bis nach dem Wiesenburger Komitat herauf. Dann kommen wir in die Gegenden unterhalb der Karpaten, wo die Zipser Deutschen leben; dann kommen wir nach Siebenbürgen, wo die Siebenbürgener Sachsen leben; dann in das Banat, wo die Schwaben leben. Alle diese Völkerschaften werden ja nach und nach — darüber sollen keine Werturteile und soll keineKritik geltend gemacht werden -, von dem magyarischen Element vollständig aufgesogen. Da kann man eine merkwürdige Eigentümlichkeit studieren. Man darf sie doch wohl aussprechen: wie leicht gerade der Deutsche seine Nationalität verliert, allmählich abstreift, wenn er sich so in andere Nationalitäten hineinschiebt. Das hängt mit dieser Eigentümlichkeit der deutschen Volksseele zusammen, von der ich eben gesprochen habe. Sie ergreift den Menschen, ich möchte sagen, in leichterer, feinerer Art mit den Kräften, die in der IndividualEntwickelung des Menschen zwischen den zwanziger und fünfundvierziger Jahren liegen. Aber indem sie ihn seelisch labiler charakterisiert, macht sie es ihm möglich, leichter sein Seelisches abzustreifen, sich zu entnationalisieren und sich hineinzunationalisieren in andere Nationen. Er ist nicht so stark, so innig durchtränkt von diesem deutschen Wesen, das aus der Volksseele kommt.

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