14. Die deutsche Seele in ihrer Entwickelung

GA 65/1916-04-13/p041 ·1916-04-13 · original (original)
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Nun haben wir diese deutsche Volksseele in ihrer Entwickelung. Wir treffen sie bereits so, daß sie so wunderbar plastisch, großartig geschildert werden kann, im ersten Jahrhundert nach Christus durch Tacitus, was für frühere Jahrhunderte auf die germanische Volksseele zurück weist, aus der die deutsche Volksseele herausgewachsen ist. Wir sehen sie dann in ihrer Entwickelung durch das Mittelalter hindurch bis herauf zu ihren neueren Blüten, wo sie eingetaucht war in die Dichtung Goethes, Schillers, Herders, eingetaucht ist in die große musikalische Entwickelung des neueren deutschen Geisteslebens. Aber es schiebt sich hinein und durchdringt dieses Volksseelenwesen das Christentum - ein anderes gemeinschaftliches Seelenwesen. Gerade wenn man den Gang der Ereignisse recht im einzelnen untersucht, dann kann man sehen, wie diese großen Gesichtspunkte, die ich angegeben habe, sich im einzelnen da, wo sich das Volksseelenwesen ausdrückt, bestätigen. Zum Beispiel können wir fragen: Wenn das Wesen, das im Menschen unbewußt wirkt bis zur Geschlechtsreife hin, wirklich so ergriffen wird von einem solchen gemeinschaftlichen Bewußtsein wie dem Christentum, was will sich da einleben? Wir brauchen nur Worte zu nehmen, Fremdworte, die die deutsche Sprache durch das Christentum aufgenommen hat. Es sind solche Fremdworte in das deutsche Wesen eingegangen, welche sich beziehen auf das, was in der sinnlichen Wahrnehmung, allerdings mit einem übersinnlichen Charakter, aufgefaßt werden muß, wozu man schon ein tieferes Seelenleben braucht, das sich in der Weise einprägen kann, wie ich es charakterisiert habe. So zum Beispiel ist das Wort «Natur» durch das Christentum nach Mitteleuropa in das deutsche Wesen hereingekommen. Freilich, wie es dazumal aufgefaßt worden ist, das Wort «Natur», davon hat derjenige keine Ahnung, der es nur in dem Sinne nimmt, wie wir es heute fassen. Aber in den Dialekten lebt es noch in der alten Bedeutung. Und da sehen wir, wie sich dieses Wort «Natur», das mit dem Christentum in Mitteleuropa eindringt, mit dem Volkstum weiter entwickelt. An diesem einen Wort «Natur» und an anderen Worten älterer Versionen, die auf diese Weise eingedrungen sind, kann man nachweisen, wie die angedeuteten Kräfte, die aus dem Christentum hereinkraften in die menschliche Individualität, wirksam sind in solchen Worten.

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