{"corpus":"steiner","locus":"GA 66/1917-02-15/p006-p015","extent":"range","passage_number":6,"through":15,"paragraph_count":10,"first_locus":"GA 66/1917-02-15/p006","last_locus":"GA 66/1917-02-15/p015","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"title":"Geist und Stoff, Leben und Tod","date":"1917-02-15","location":null,"alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"site_heading":null,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15/p006-p015","json_url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15/p006-p015.json","lecture_url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15#p006","word_count":1392,"quote_safe":true,"passages":[{"passage_number":6,"locus":"GA 66/1917-02-15/p006","text":"Nun muß man, um zu den bezeichnenden Gedanken dieses sinnigen Geistes den Zugang zu gewinnen, ein wenig sich vor Augen treten lassen, was aus dem naturwissenschaftlichen Denken der Zeit heraus Gustav Theodor Fechner besonders nahelag, was ihn auf besondere Art dazu gebracht hatte, gerade in einer solchen Lebenslage mit dem Rätsel des Stoffes innerlich-seelisch zu ringen. Ich habe ja öfter aufmerksam gemacht auf diejenige WeltanschauungsRichtung des 19. Jahrhunderts, die ich in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» als die Weltanschauung des Illusionismus bezeichnet habe. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie gewisse Erwägungen der Physiologie, der Erkenntnistheorie, gewisse Arten, sich zu den naturwissenschaftlichen Erscheinungen zu stellen, gerade die hervorragendsten Denker des 19. Jahrhunderts dazu gebracht haben, sich zu sagen: Dasjenige, was der Mensch als die Farbenwelt, die ihn umgibt, als die Töne, die ihn umgeben, wahrnimmt, das ist eigentlich nicht in der Außenwelt. In der Außenwelt sind schwingende, sich bewegende, in einer gewissen Weise zueinander im Verhältnis stehende Atome, Moleküle, rein räumliche Wesenheiten, die in der Zeit sich bewegen. So daß ja schon Schopenhauer und andere dazu kamen, zu sagen: Die farbenbunte Welt um uns herum, die tönende Welt um uns herum, sie ist eigentlich nur so lange da, als ein menschliches Auge sich öffnen kann, sie wahrzunehmen, ein menschliches Ohr sie hören kann. An sich, wenn dieser Außenwelt nicht gegenübersteht ein menschliches Auge, ein menschliches Ohr, ist diese Außenwelt finster und stumm, Bewegung finster-farbloser, lichtloser, tonloser Wesenheiten. Man war, ich möchte sagen, dazu gekommen, hereinzunehmen in das menschliche Ich, in die menschliche Seele alles das, was den Menschen erfreut, was ihn erhebt, was ihn umgibt in der Welt um ihn herum, und dieser Welt draußen nur die stumme und finstere Ursache des reinen Stoffes zu lassen. Ein solcher Geist wie Fechner nimmt eine solche Anschauung nicht bloß auf wie eine Theorie, sondern er nimmt sie auf im Hinblicke auf die Frage: Wie läßt sich mit einer solchen Anschauung leben? Wie vermag die Seele sich, wenn sie sich auf eine solche Anschauung stellen muß, in ein Verhältnis zur Welt zu bringen? - Und deshalb sagte sich Fechner in der Lage, in der er da war während seines Erholungssitzens auf der Bank am Heckenzaun: Da schaue ich durch diese Öffnung im Heckenzaun. Ich glaube das Grün der Wiese, die bunt-spielenden Farben der Schmetterlinge wahrzunehmen. Das alles aber lügt mir nur der farblose, lichtlose Stoff vor. Ich glaube die Töne des Morgenkonzertes zu hören; sie sind nicht draußen, sie ertönen erst, wenn die Schwingungen der Luft, die von den Instrumenten, den Geigen und Flöten hervorgerufen werden, auf mein Ohr wirken. Da draußen ist alles tonlos, alles finster und stumm. Und in Wahrheit müßte man sich bewußt sein, daß man, indem man hinausblickt in die Welt des Stoffes, in eine tonlose, in eine finstere Welt blickt. - Diese Ansicht von der Welt des Stoffes nannte Fechner die «Nachtansicht». Und er wies wiederholt darauf hin, daß alles dasjenige, was die durchaus nicht anzufechtende, sondern bewundernswerte Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts zutage gefördert hat, mit Notwendigkeit zu dieser Nachtansicht geführt hat. Und dieser fein-sinnige Geist wußte sich keineswegs alleinstehend in der Anschauung: «Wenn du da hinaussiehst, so siehst du in ewige Nacht hinaus!», sondern er sagte - und ich möchte Ihnen da seine eigenen Worte vorlesen:","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"word_count":539,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15/p006"},{"passage_number":7,"locus":"GA 66/1917-02-15/p007","text":"«Sind es doch die Gedanken der ganzen denkenden Welt um mich.»","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"word_count":11,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15/p007"},{"passage_number":8,"locus":"GA 66/1917-02-15/p008","text":"«Wie sehr und um was sie zanken mag, darin reichen sich Philosophen und Physiker, Materialisten und Idealisten, Darwinianer und Antidarwinianer, Orthodoxe und Rationalisten die Hände. Es ist nicht ein Baustein, sondern ein Grundstein der heutigen Weltansicht...»","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"word_count":36,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15/p008"},{"passage_number":9,"locus":"GA 66/1917-02-15/p009","text":"Und nun sagt sich Fechner weiter: Also erst wenn an den Eiweißknäuel - so drückt er sich aus - des menschlichen Gehirns dieser stumme, finstere Stoff heranschlägt, dann entwickelt sich durch das, was im Gehirn sich abspielt, die farbenbunte, prächtige Welt; dann entwickelt sich erst die «Tagesansicht», die aber unter dem Einfluß dieser Voraus-setzungen im Grunde zu einer großen Illusion für die Menschheit wird. Fechner fand durchaus niemals, daß man, weil sie zu dieser Nachtansicht als einem Durchgangspunkte des Weltanschauungsstrebens geführt hat, die naturwissenschaftliche Entwickelung bekämpfen müsse. Er, der selber ein feinsinniger Naturforscher war, unterschätzte gewiß die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht, aber er richtete den geistigen Blick auf eine Menschheitszukunft, die er, wie man glauben darf, in naher Ferne vermutete, und von der er meinte, daß jene Nachtansicht wiederum weichen und eine andere, vergeistigte Anschauung an ihre Stelle treten müsse, die in der Lage sei, nicht in so abfälliger Weise dem zu widersprechen, was der gesunde Menschenverstand annimmt, sondern die aufbaut auf alledem, was uns in der zunächst von dem naiven Menschen «wirklich» genannten Welt umgibt, aber aufsteigt von dem zu einer Welt, in der sich die Seele als Geist wissen muß, wenn sie sich nicht selber in eine wesenlose Hingabe an den Stoff verlieren will. Und so sagt Fechner, aufblickend von dieser Gegenwart in eine Zukunft, die er vorausahnt:","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"word_count":221,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15/p009"},{"passage_number":10,"locus":"GA 66/1917-02-15/p010","text":"«In der Tat ist mein Glaube, daß, so sicher als auf die Nacht der Tag, auf jene Nachtansicht der Welt dereinst eine Tages ansicht folgen wird, die, statt sich in Widerspruch mit der natürlichen Ansicht der Dinge zu stellen, vielmehr damit unterbauen, und darin den Grund zu einer neuen Entwickelung finden wird. Denn, schwindet jene Illusion, welche den Tag in Nacht verkehrt, so wird natürlicherweise alles Verkehrte, was damit zusammenhängt, und es ist viel, mit schwinden müssen, und die Welt in neuem Zusammen-hange, in neuem Lichte, unter neuen positiven Gesichtspunkten erscheinen.»","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"word_count":91,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15/p010"},{"passage_number":11,"locus":"GA 66/1917-02-15/p011","text":"Fechner hat dann selber versucht, aus der Welt, auf die, wie er meint, die Tagesansicht gerichtet ist, aufzusteigen zu einer Welt, in der sich die Seele als Geist erkennen kann. Aber man muß sagen, insbesondere wenn man die Voraussetzungen der Geisteswissenschaft zu den seinigen macht, daß ihm nicht mehr gelungen ist, als aus den Begriffen und Vorstellungen heraus, die er sich über die gewöhnliche Welt und aus der gewöhnlichen Wissenschaft machte, zu gewissen, man möchte sagen, Vermutungen, vermutungsweisen Ideen und Vorstellungen über eine geistige Welt zu kommen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"word_count":87,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15/p011"},{"passage_number":12,"locus":"GA 66/1917-02-15/p012","text":"Wenn man gelehrt sprechen möchte, so könnte man sagen:","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"word_count":9,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15/p012"},{"passage_number":13,"locus":"GA 66/1917-02-15/p013","text":"Er versuchte, sich die geistige Welt nach Analogien zu denken. Die Erde mit ihrer Lufthülle wurde ihm zu einem großen Organismus; das Laufen der Sonnenstrahlen wurde ihm zu einem Analogon für die Nervenwirkungen; das ganze Sternensystem der Sonne wurde ihm wiederum ein großer Organismus, der ebenso wie der menschliche Organismus Seele in sich hat. Aber alle diese Vorstellungen über eine geistige Welt baut sich Fechner auf den Vorstellungen des Alltags, den Vorstellungen der auf die äußere stoffliche Welt gerichteten Wissenschaft auf. Man kann sagen:","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"word_count":84,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15/p013"},{"passage_number":14,"locus":"GA 66/1917-02-15/p014","text":"Nur sein dem Geistigen zugewandtes Grundgefühl der Seele zwang ihn, derlei Annahmen zu machen, nicht stehen-zubleiben bei der Welt des Stoffes, sondern sich zu erheben zu einer von ihm hypothetisch konstruierten geistigen Welt.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"word_count":33,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15/p014"},{"passage_number":15,"locus":"GA 66/1917-02-15/p015","text":"Wenn man sich nun frägt: Auf welchem Punkte stand dieser sinnige Geist, der in seiner eigenen Entwickelung die Entwickelung der geistigen Bildung des 19.Jahrhunderts in besonderer Art widerspiegelte?, so kann man sagen: Er stand gerade am Ausgangspunkte zu dem, was für ihn vermutungsweise, nun aber, nachdem wiederum eine Reihe von Jahren seit seinem Wirken verflossen ist, mit größerer Gewißheit gerade aus der naturwissenschaftlichen Weltauffassung hervorgehen kann, er stand vor dem Tore desjenigen, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist. - Diese Geisteswissenschaft muß ausgehen von dem, bis zu dem die äußere, auf den Stoff gerichtete Wissenschaft in der Regel kommt. Von dem Punkte muß sie ausgehen, diese Geisteswissenschaft, bis zum dem auch das gewöhnliche alltägliche Leben vordringt. Diese Wissenschaft und dieses Leben dringen vor bis zu den Vorstellungen, Begriffen und Ideen, die sich der Mensch über die Außenwelt machen kann. Festgehalten, wenigstens wie festgehalten wurde Fechner an dem tonlosen und finsteren Stoffe, der sich ihm in der Vorstellung aufgedrängt hatte; festgehalten an dieser Nachtansicht, aber hinstrebend zur Tagesansicht. Diese Tages-ansicht aber, sie kann nicht gewonnen werden, wenn nicht gerade scharf ins Seelenauge gefaßt wird, wohin die äußere Wissenschaft, das gewöhnliche Leben des Tages kommt wie zu einem Schlußpunkte - wenn nicht scharf ins Auge gefaßt wird das, was man das menschliche Denken und das menschliche Vorstellen nennt. Gerade dort, wo die gewöhnliche Wissenschaft aufhört, muß Geisteswissenschaft ihren Anfang nehmen. Daher muß sie sich auseinandersetzen mit der Frage: Was ist denn eigentlich seinem Wesen nach dieses Denken, das in uns lebt, das uns treibt, uns über alle Erscheinungen, über alle Eindrücke der äußeren Welt, seien es freudvolle oder leidvolle, seien es mehr oder weniger gleichgültige, oder die großen Schicksalsfragen enthaltend, Vorstellungen zu machen?","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"word_count":281,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/66/1917-02-15/p015"}],"witnesses":[{"lang":"de","edition":"original","is_original":true,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":59,"passage_count":59,"word_count":8767}],"aligned_witness":{"status":"no_other_language","note":"No English witness of this unit is served."}}