2. Der Mensch als Geist- und Seelenwesen
Man kann heute finden, daß auf gewissen Gebieten die naturwissenschaftliche Weltanschauung geradezu, wenn das Wort eben in seinem begrenzten Sinne genommen wird, zu einer Art ideal-schönen Begrenzung ihres Gebietes gekommen ist. Wir haben ja heute auf naturwissenschaftlichem Gebiete Werke, die gerade in der Art, wie sie ihre Aufgabe in der Durchführung der einzelnen Probleme begrenzen, als mustergültig betrachtet werden können. Nach, man möchte sagen, der einseitig darwinistisch-Haeckelschen Romantik aus dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts hat es zum Beispiel die Biologie dazu gebracht, daß wir heute ein solch mustergültiges, höchste Anforderungen befriedigendes Werk haben, wie das Werk des Berliner Forschers Oscar Hertwig über «Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung von Darwins Zufallstheorie». Wir haben auch für solche Gebiete, welche die Grenzen dessen berühren, was hier in Betracht gezogen werden soll, methodisch hervorragende Leistungen, wie zum Beispiel die «Physiologische Psychologie» von Theodor Ziehen. Man darf sagen, daß die hier vertretene anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft überall, wo es auf die Betrachtung des eigentlich naturwissenschaftlichen Gebietes ankommt, die Partei solcher methodischer Forschung nimmt. Ich selbst stehe immer mit allem, was ich zur Geisteswissenschaft beitragen möchte, gegen manchmal zwar gut gemeinte, aber doch dilettantische Weltanschauungsaufbauten, die aus irgendwelchen unzulänglichen Erkenntnisbestrebungen hervorgehen. Allein gerade diese methodische naturwissenschaftliche Weltanschauung macht es der Geisteswissenschaft schwer, Verständnis bei unseren Zeitgenossen zu finden. Selbst in einem so mustergültigen Buche wie dem von Oscar Hertwig über «Das Werden der Organismen», das im Jahre 1916 erschienen ist, finden wir unter anderem gewissermaßen als wissenschaftliche Überzeugung festgestellt, die Naturwissenschaft könne sich nur mit dem Endlichen beschäftigen und müsse das Unendliche außer der Betrachtung lassen. Das Endliche aber könne Naturwissenschaft nach allen Seiten durchforschen. Nägelis, des großen Botanikers, Anschauung wiederholt Hertwig mit diesen Worten von seinem naturwissenschaftlichen Standpunkt völlig mit Recht, und auch Theodor Ziehen sagt, er wolle alles dasjenige im menschlichen Seelenleben betrachten, was Parallelerscheinungen im menschlichen Leibesleben hat, so daß die Physiologie über diese Parallelerscheinungen Auskunft zu geben vermag. Alles übrige müsse der Erkenntniswissenschaft, der Metaphysik oder dergleichen überlassen werden. Dann aber finden wir auch in der von meinem Gesichtspunkt aus mustergültigen «Physiologischen Psychologie» Ziehens wiederum gesagt, dasjenige, was von der gegenwärtigen physiologisch-psychologischen Forschung vorgebracht wird, sei in seinen Einzelheiten, die eigentlich gar nichts Besonderes sagen über die großen Seelen- und Geisträtsel, wichtiger als alles, was Jahrhunderte mit Bezug auf die Fragen über das Übersinnliche im Seelenleben und dergleichen zu leisten versuchten. Wenn wir dazunehmen den Machtspruch, den schon vor Jahrzehnten der große Physiologe Da Bois-Reymond getan hat, daß wirkliche Wissenschaft sich eigentlich nur mit der Sinnenwelt beschäftigen dürfe, weil, wie er sagte, wo das Übersinnliche beginnt, die Wissenschaft aufhört, so finden wir dasjenige — und wir können das Gesagte hundert- und tausendfältig vermehren -, wodurch die naturwissenschaftliche Weltbetrachtung auch aller Geisteswissenschaft den Boden unter den Füßen wegziehen möchte. Wir finden es darinnen, daß, während auf der einen Seite immer wiederum recht wohlwollend gesagt wird: Alle Fragen, die über die Sinnesbetrachtung hinausgehen, muß man der Metaphysik oder etwas Ähnlichem überlassen, auf der anderen Seite doch wieder - und zwar so, daß sich diese Anschauung in die weitesten Kreise unserer Zeitgenossen einimpft — geltend gemacht wird, daß wirkliche Wissenschaft doch nur auf dem Gebiet der Sinnesbetrachtung geleistet werden könne.