2. Der Mensch als Geist- und Seelenwesen
Damit aber stößt man wiederum auf ein ungeheuer verbreitetes Vorurteil. Daß die menschliche Seele, wenn sie es methodisch darauf anlegt, fähig ist, zu ganz anderen Erkenntnismöglichkeiten und Erkenntniskräften zu kommen, als diejenigen sind, die in der reinen Naturwissenschaft angewendet werden, das wird in weitesten Kreisen heute noch zurückgewiesen. Deswegen steht man nur vor einer zweifachen Möglichkeit, entweder das Seelische und Geistige unbegriffen zu lassen oder diesen Rubikon zu überschreiten, um sich bekannt zu machen damit, was es eigentlich heißt: die menschliche Seele kann sich weiterentwickeln über den Standpunkt, den sie, ich möchte sagen, von selbst schon der Weltordnung gegenüber einnimmt. Sie kann dadurch zu solchen Erkenntniskräften kommen, die ihr mehr sagen als das, was die bloße Naturwissenschaft sagen kann, gerade dann, wenn sie möglichst vollkommen ist. Man stößt da auf ein scharfes Vorurteil. Man muß vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft sagen: Die Naturwissenschaft verhält sich eigentlich zur Geisteswissenschaft so, wie jemand, der Buchstaben, die auf irgendeiner Seite gedruckt sind, nur beschreiben kann, zu demjenigen, der lesen kann. Wenn ich mich zunächst vergleichsweise ausdrücken darf, so möchte ich sagen: Das, was Naturwissenschaft nur zu beschreiben vermag, das sucht Geisteswissenschaft zu lesen. Das, was sie über die Erscheinungen der Welt, über ihren Inhalt und über die Bedeutung der Vorgänge zu sagen hat, verhält sich wie ein Gelesenes zu der Beschreibung der bloßen Buchstaben, welche die Worte zusammensetzen. Es besteht also — um den Vergleich, der zunächst oberflächlich sein muß, der aber später näher ausgeführt wird, weiter fortzusetzen — die Möglichkeit, wirklich einzudringen in das lebendige Seelisch-Geistige, darinnen, daß man sich aus der Seele heraus selbst eine Fähigkeit zum Lesen der Natur aneignet. Diese Fähigkeit verhält sich gegenüber der bloßen Naturbetrachtung wie die freie, aus der Seele hervorfließende Fähigkeit des Lesens zu dem bloßen Beschreiben der Buchstaben.