4. Geist, Seele und Leib des Menschen
Man kann sehr viel haben gegen eine solche Kunstbetrachtung, wie sie der anregende, so sympathische Schriftsteller Herman Grimm geübt hat, aber man wird doch, wenn man dafür eine Empfindung hat, selbst dann, wenn man oftmals mit irgendwelchen Ausführungen Herman Grimms nicht einverstanden ist, wenn man ihn sogar dilettantisch findet gegenüber dem, was strenge Gelehrte zu sagen haben, zugeben müssen: In seinen Ausführungen liegt etwas, wodurch man herangeführt wird an die Kunstwerke, an die Künstler, an deren persönlichen Charakter sogar. Es ist, ich möchte sagen, etwas von Atmosphäre in den Schriften Herman Grimms, die unmittelbar hinüberführt von dem, was er sagt, zu dem Wesen dessen, worüber er spricht. Man kann sich die Frage vorlegen: Wie kommt ein solcher Geist dazu, sich gerade in solcher charakteristischer Weise von anderen, die recht gelehrt sein mögen, zu unterscheiden? Für den, der gewohnt ist, über solche Dinge nicht im allgemeinen Abstrakten herumzureden, sondern wirkliche Gründe für eine solche Erscheinung zu suchen, für den kann sich dann eben das Folgende ergeben: Sie werden zum Beispiel an einer Stelle - Sie können aber ähnliche Beobachtungen in den Schriften Herman Grimms auch an anderen Stellen machen -, wo Herman Grimm in einem sehr schönen Aufsatz über Raffael spricht, auf einige Sätze stoßen, welche für den, der ein trockener, pedantischer, nüchterner Gelehrter ist, wahrscheinlich aufreizend, ärgerlich klingen mögen. Da sagt Herman Grimm, was man nach seiner Meinung empfinden würde, wenn einem heute Raffael begegnete, und wie man ganz anders empfinden würde, wenn einem heute Michelangelo begegnete. — Nicht wahr, in einer wissenschaftlichen Abhandlung solches Zeug zu reden, ist ja für manche von vornherein Träumerei. Selbstverständlich, man kann ein solches Urteil durchaus begreifen. Bei Herman Grimm finden Sie an zahlreichen Stellen solche sonderbaren Bemerkungen. Man möchte sagen, er gibt sich da von vornherein gewissen Vorstellungszusammenhängen hin, von denen er ja natürlich weiß, daß sie sich nicht in der unmittelbaren Wirklichkeit realisieren können, und will selbstverständlich auch gar nichts Besonderes in bezug auf die äußere Wirklichkeit mit solchen Bemerkungen sagen. Aber wer sich immer wieder und wieder gerade solchen Gedankengängen hingegeben hat, der hätte - allerdings jetzt nicht auf diesem Gebiete, denn auf diesem Gebiete führen solche Gedankengänge zu gar nichts — wohl aber auf anderen Gebieten, in anderen Punkten seiner Betrachtung, das Ergebnis, daß dann seine Seelenkräfte so in Bewegung versetzt worden sind, daß er tiefer in die Dinge hineinschauen kann, sie treffsicherer zum Ausdruck bringen kann als andere, die es verschmähen, solche «unnötigen» Gedankengänge anzustellen. Das ist es, worauf es ankommt, und was ich hervorheben möchte.