{"corpus":"steiner","locus":"GA 67/1918-02-28/p013","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Ich habe auch darauf schon hingewiesen, daß ja in der Entwickelung des Geistesforschers dem eine besondere Wichtigkeit zugeschrieben werden muß, daß er sich an die sogenannten Grenzpunkte des Erkennens hingeben kann. Du Bois-Reymond spricht von sieben Welträtseln, denen sich der Mensch gegenübergestellt sehen kann, als von Grenzpunkten, über die das menschliche Erkennen nicht hinauskommen kann. Wenn der Mensch sich an solchen Grenzpunkten ein Doppeltes sagt, dann bilden sie gerade den Ausgangspunkt geisteswissenschaftlicher Untersuchungen. Das eine ist, daß man zunächst im vollen inneren Leben empfindet, was mit einer solchen Grenzfrage eigentlich gesagt ist. Ich mache bei einer solchen Gelegenheit gern aufmerksam auf wirkliche, echte Ringer nach Erkenntnis. Als Beispiel sei angeführt Friedrich Theodor Vischer. Als dieser das wichtige Thema der menschlichen Traumphantasie behandelte, kam er auf eine solche Grenzfrage. Er sagte sich: Betrachtet man das Verhältnis des menschlichen Seelenlebens zum menschlichen Leibesleben, so muß man sich sagen: Es ist ganz gewiß, daß die Seele nicht im Leibe sein kann, aber ebenso gewiß ist, daß die Seele nicht irgendwo außer dem Leibe sein kann. Wer solch ein Denken entwickelt, das nicht nach landläufigen, schulmäßig gegebenen Methoden, sondern nach inneren notwendigen Strömungen des Seelenlebens nach Erkenntnis ringt, der kommt in zahlreichen Fällen dahin, daß er sich sagen muß: Du stehst an einem Punkt, wo alle die Vorstellungen, die sich dir ergeben haben aus deinen Sinnesbeobachtungen, aus dem ganzen bewußten Leben, das sich unter dem Einfluß der Sinnesbeobachtung Tag für Tag abspielt, dich gar nicht weiterführen. Man kann nun, wie das so vielfach in der Gegenwart geschieht, an solchen Grenzpunkten stehenbleiben und sagen, nun ja, da ist eben eine Grenze, darüber kann der Mensch nicht hinaus! Man täuscht sich schon, indem man dies sagt. Aber darüber will ich nicht sprechen. Das, um was es sich handelt, ist, daß man gerade an solchen Grenzpunkten versucht, mit dem vollen Leben der Seele einzudringen, daß man versucht, sich in einen wirklichen Widerspruch einzuleben, der die geistig-seelische Wirklichkeit uns darstellt, wie sich als äußere widerspruchsvolle Wirklichkeit darstellt, wenn an einer Pflanze einmal ein grünes Pflanzenblatt, ein andermal ein gelbes Blumenblatt erscheint. In der Wirklichkeit realisieren sich auch die Widersprüche. Wenn man sie erlebt, statt mit seinem logischen Denken, mit seiner gewöhnlichen, nüchternen Urteilskraft an sie heranzugehen, wenn man statt dessen an sie herangeht mit dem vollen lebendigen inneren Seelenwesen, wenn man einen Widerspruch in der Seele selbst sich ausleben läßt und nicht mit dem Vorurteil des Lebens an ihn herankommt und ihn auflösen will, dann merkt man, wie er aufquillt, wie sich da wirklich etwas einstellt, das man mit folgendem vergleichen kann, wie ich das in meinem Buche «Von Seelenrätseln» getan habe.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"4. Geist, Seele und Leib des Menschen","site_heading":null,"date":"1918-02-28","location":null,"word_count":434,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/67/1918-02-28/p013","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/67/1918-02-28/p013"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/67/1918-02-28/p013","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}