4. Geist, Seele und Leib des Menschen
Das ist eine Vorstellung, von der ja zugegeben werden muß, sie ist ganz ungewohnt für die Weltanschauungen, die ihre festen Wurzeln aus jenem Boden ziehen, aus dem fast einzig und allein in der Gegenwart die Weltanschauungen ihre Wurzeln ziehen wollen. Denn alles geht in diesen Weltanschauungen dahin, die Möglichkeit zu verneinen, daß der Mensch ein Seelenleben entwickeln könne, das unabhängig vom Leibe ist, und, wenn auf diese Weise die Ergebnisse der Selbstbeobachtung angeführt werden, sie zu kritisieren mit demjenigen, was man an der äußeren Welt gewonnen hat oder was sich für die Urteilskraft aus dieser äußeren Welt ergeben hat. Damit kommt man nicht zurecht. Man schafft Mißverständnisse über Mißverständnisse aus dem einfachen Grunde, weil aller Geistesforschung ein gerade Entgegengesetztes zugrunde liegen muß von dem, was zugrunde liegen muß der naturwissenschaftlichen Denkungsweise, obwohl Geistesforschung ganz nach dem Muster naturwissenschaftlicher Forschung aufgebaut ist. Da wird das Denken und der methodische Ausbau des Denkens im Experimentieren und so weiter so eingerichtet, daß der Mensch die von der Urteilskraft und dem Verstande ausgebildeten wissenschaftlichen Methoden anwendet, um der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen, daß er durch seinen Verstand die Dinge in diese oder jene Verbindung bringt, wodurd sie ihr Wesen, ihre Geheimnisse aussprechen. Das ist ganz selbstverständlich auf dem Boden naturwissenschaftlicher Denkungsweise. Allein dieselbe Kraft des Denkens und Vorstellens, die da verwendet wird, um allerlei wissenschaftliche Methoden auszubilden, wird in der Geisteswissenschaft dazu verwendet, die Seele erst vorzubereiten, damit sie dann beobachten kann, was das Ergebnis der Geisteswissenschaft ist. Das dient dazu, die Seele zu präparieren, damit sie auf eine vom Leibe völlig freie Weise die Erscheinungen des Seelenlebens beobachten kann. Dadurch kann der Mensch herausrücken von der Seele zum Geiste, wie er nach der andern Seite hin durch wissenschaftliche Methoden herausgerückt wird von der Seele in den Leib. So daß man sagen kann, schon die ganze Art des beweisenden, des urteilenden Denkens muß eine andere werden in der Geisteswissenschaft. Sie darf nicht fehlen, aber was damit erreicht wird, ist dann nicht ein Erwägen nach Gründen und Folgen in derselben Weise wie in der äußeren Wissenschaft, sondern es ist ein Beobachtenkönnen, weil man die Methoden der äußeren Wissenschaft zuerst auf die Entwickelung der Seele selbst angewendet hat.