4. Geist, Seele und Leib des Menschen

GA 67/1918-02-28/p020 ·1918-02-28 · original (original)
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Geisteswissenschaft kann nicht einfach da, wo eine Erscheinung vorliegt, irgendein Wort oder irgendeine hypothetisch angenommene Kraft zugrunde legen, sondern muß beobachten. Sie beobachtet in der Tat das, was die menschliche Seele erlebt, indem sie in dem für jeden erlebbaren Wachzustande ist. Sie beobachtet das gleichmäßige Hinfließen des bewußten Tageslebens vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Was findet die Geisteswissenschaft? Sie findet sich insbesondere dann zurecht, wenn sie mit ihren Beobachtungsmethoden das Hineindringen von Gedanken und Vorstellungen in diesen einfachen Wachzustand beobachtet. Was beobachtet der Geistesforscher, wenn er den ruhigen Strom des Wachlebens verfolgt und dann das Hineindringen von Vorstellungen? Da ergibt sich für den Geistesforscher, daß der gewöhnliche helle Wachzustand, der sonst wie ein ruhiger Strom dahinfließt, unterbrochen wird dadurch, daß ein partielles Einschlafen im Gedankenfassen, im Gedankenerleben eintritt. Wir wachen so, daß wir fortwährend den Wachzustand herunterdämpfen zu einem partiellen Schlafen, indem wir in den Wachzustand die Vorstellungen hineinrücken. Wir lernen nur dadurch das Verhalten der Seele zum Vorstellungsleben kennen, daß wir beobachten können, wie der sonst intensive Wachzustand zwar nicht so stark herabgestimmt wird wie im traumlosen Schlaf, daß er aber doch herabgestimmt wird und in diese Herabstimmung jedesmal der Gedanke, der von einer Wahrnehmung hervorgerufen werden kann, hineinfällt. Wir machen also den gewöhnlichen Wachzustand nicht in einer gleichmäßigen Intensität durch, sondern er wird fortwährend abgedämpft und abgedämmert, indem wir Gedanken fassen. Es setzt sich also im Vorstellen, im Gedankenleben das, was sonst in stärkerer oder völliger Abstumpfung im Schlaf vorhanden ist, ins Wachleben hinein fort. Dadurch kommt man darauf, das, was man sonst eigentlich als ein buntes Aufeinanderfolgen von Vorstellungen im Wachzustande hat, nun zu differenzieren. Was man sonst als Wachen und Schlafen mit einem einheitlichen Intensitätsgrad kennt, das muß man mit anderen Intensitätsgraden vorstellen lernen. Man muß beobachten können völligen Wachzustand, abgeschwächten Wachzustand, weiter völligen Schlafzustand, abgeschwächten Schlafzustand und so weiter.

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