{"corpus":"steiner","locus":"GA 67/1918-02-28/p022","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Da zeigt sich wie ein Lichtblik klar und deutlich, was Geisteswissenschaft genauer und immer genauer entwickeln wird, indem sie ihre Beobachtungsmethoden auf das menschliche Wesen anwendet. Da zeigt die Wissenschaft, daß das Gesamtwesen des Menschen, das mit Recht heute von der einen Seite her unter den Entwickelungsgedanken gestellt wird, nicht bloß unter den Entwickelungsgedanken gestellt werden darf. Ich dehne jetzt diese Betrachtung nicht über den Menschen hinaus aus; wir werden später eingehend über die Natur sprechen, wo solche Fragen behandelt werden können. Es muß, wenn man beim Menschen stehen bleibt, dieses Menschenwesen so betrachtet werden, daß man weiß, es findet eine Entwickelung von sprießendem, sprossendem, wachsendem Leben, aber fortwährend auch ein Abbauprozeß, rückschreitende Entwickelung statt. Die Organe dieses Abbauprozesses, die Organe, in denen nicht eine fortschreitende, sondern eine rückführende Entwickelung stattfindet, sind im menschlichen Leibe vorzugsweise das Nervensystem. Das seelische Bewußtsein greift in den Menschen ein dadurch, daß es die wachsenden, sprossenden Prozesse abwechseln läßt mit Prozessen, die eine rückläufige Entwickelung darstellen. Das gesamte Wachleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen beruht darauf, daß mit dem Aufwachen das Seelisch-Geistige, das sich mit dem Einschlafen vom Leibe getrennt hat, in den Leib untertaucht und das, was vom Einschlafen bis zum Aufwachen fortschreitende Entwickelung ist, in bezug auf das Nervensystem sich in rückschreitende Entwickelung verwandelt. Indem der Mensch denkt, indem er vorstellt, muß er abbauen, muß er Leichenprozesse in seinen Nerven hervorrufen, um dem Wirken des Geistig-Seelischen Platz zu machen. Das wird Naturwissenschaft von der andern Seite immer mehr bezeugen. Der Geistesforscher rückt vom Geistig-Seelischen an das Leibliche heran und zeigt, daß, indem mit dem Aufwachen das Geistig-Seelische in das Leibliche einströmt, abgebaut wird, bis der Abbau so weit gediehen ist, daß wiederum die fortschreitende Entwickelung mit dem Beginn des Schlafes auftreten muß. Der gleichmäßig fortschreitende Wachzustand beruht darauf, daß durch das Seelisch-Geistige im menschlichen Leibe immer wieder ein ordnungsgemäßer, ein gesetzmäßiger Abbauprozeß, eine Rückentwickelung stattfindet, entgegengesetzt derjenigen Strömung, die lebt in dem gewöhnlichen Wachen, die tätig ist in den Kräften, die uns als Kind wachsen und gedeihen lassen. Stellen wir in den gewöhnlichen Wachzustand das Vorstellen, den Gedanken hinein, so wirken wir wiederum entgegengesetzt. Da bringen wir in den Abbauprozeß von der Leibesseite aus Stücke von Fortentwickelung hinein, partielle Schlafzustände, so daß wir sagen können: Abgeschwächt wird durch Prozesse, die ganz schwach dasjenige darstellen, was im Wachstum vorhanden ist, jener Zustand, der sich ausdehnt über das gewöhnliche Wachleben dadurch, daß abgebaut wird. Nun zeigt sich für den Geistesforscher, daß dieses Abbauen, dieser kontinuierlich fortschreitende Prozeß vom Aufwachen bis zum Einschlafen, die Wirkung desjenigen ist, was der Geistesforscher mit der wahren Selbstbeobachtung als den Geist im Menschen erkennt. Geist baut ab, und innerhalb dieses Abbaues machen sich wiederum jene Tätigkeiten des Vorstellens und Denkens geltend, in denen die Seele die Aufbauprozesse benutzt, um sie in die geistigen Abbauprozesse hineinzustellen. Hier sehen wir ineinanderwirken Geistig-Seelisches und Leibliches. Der Geistesforscher ist nicht geneigt, dilettantisch über Geistig-Seelisches zu sprechen mit Außerachtlassung desjenigen, was sich im Leibe abspielt, gerade weil er selber beobachtet, wie der Geist nicht so wirkt, daß er die Prozesse des Wachsens, der Entwickelung, die reine Naturprozesse sind, zum Ausdruck bringt, sondern diesen entgegengesetzte Prozesse. Indem der Geistesforscher das, was der Geist am Leibe vollbringt, kennenlernt, lernt er auch wieder erkennen, wie sich die Seele der Leibesprozesse bedient, um die geistigen Prozesse abzudämpfen, indem sie die Vorstellungen hineinrückt in den Abbauprozeß, den der Geist vollführt. Damit deute ich nur an, wie der Geistesforscher dazu kommt, das Wechselverhältnis, die Wechselwirkung des Geistigen, des Seelischen und des Leiblichen im Menschen anzuschauen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"4. Geist, Seele und Leib des Menschen","site_heading":null,"date":"1918-02-28","location":null,"word_count":585,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/67/1918-02-28/p022","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/67/1918-02-28/p022"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/67/1918-02-28/p022","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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