4. Geist, Seele und Leib des Menschen
Um mich noch deutlicher auszudrücken, möchte ich die Sache noch von einer andern Seite charakterisieren. Ihnen allen ist bekannt, daß gewisse orientalische Völker zu dem Geistig-Seelischen aufsteigen durch Methoden, von denen ich in den Vorträgen, die ich hier gehalten habe, und auch in meinen Büchern immer wieder gesagt habe, daß sie für unsere abendländische Kulturentwickelung nicht in derselben Weise anwendbar sind, daß vielmehr hier zur bewußten Geistesforschung andere Methoden angewendet werden müssen. Aber es kann doch zum Vergleich einiges herangezogen werden. Es ist Ihnen bekannt, daß die Morgenländer zu einem gewissen Erkennen des Seelischen — was sie vielleicht nicht zugeben, doch darauf kommt es jetzt nicht an — dadurch kommen, daß sie mantrische Sprüche immer wieder hersagen. Man lacht im Abendlande über die Wiederholungen in den Reden des Buddha und weiß nicht, daß für den morgenländischen Menschen diese Wiederholung gewisser Sätze eine Notwendigkeit ist, weil dadurch eben ein gewisser Unterton in der innerlichen Aufnahme des Stoffes erreicht wird, mit Außerachtlassung dessen, was unmittelbarer Inhalt ist. Es wird, ich möchte sagen, in der Seele gewissermaßen eine in diesen Sprüchen lebende Musik gehört oder gesprochen. Die Seele versetzt sich in so etwas. In meinen Büchern können Sie finden, wie wir das in der abendländischen Geistesentwickelung auf eine geistig-seelischere Weise machen, daß wir nicht in ein solches Absingen oder Absprechen von mantrischen Sprüchen oder Wiederholungen verfallen. Aber was da auf andere Weise erreicht wird, kann erläutert werden dadurch, daß man aufmerksam macht, wie im Vorstellen, Fühlen und Wollen etwas miterlebt wird, was ein Grund- oder Unterton ist.