{"corpus":"steiner","locus":"GA 67/1918-02-28/p030","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Ob man heute zu naturforscherisch denkenden Menschen, ob man zu sonstigen Seelenforschern geht und mit geisteswissenschaftlichen Resultaten kommt, man erlebt wirklich dasselbe, nur auf einem andern Gebiete, wovon die Biographie Galileis erzählt. Bis zu Galileis Zeiten galt das alte noch gegenüber den Leibeserscheinungen zu überwindende Vorurteil, das sich durch eine mißverständliche Auffassung des Aristoteles durch das ganze Mittelalter fortgepflanzt hat, daß die Nerven aus dem Herzen entspringen. Galilei hatte einem Freunde die Mitteilung gemacht, daß das ein Vorurteil sei. Der Freund war ein strenggläubiger Anhänger des Aristoteles. Er sagte, was im Aristoteles steht, ist wahr, und da steht, daß die Nerven aus dem Herzen entspringen. Da zeigte Galilei dem Betreffenden an einer Leiche, wie der Augenschein lehre, daß die Nerven aus dem Gehirn entspringen, nicht aus dem Herzen, daß Aristoteles das nicht beachtet hatte, weil ihm noch keine solche Leibesbeobachtung möglich war. Der Aristoteles-Gläubige blieb trotzdem ungläubig. Obgleich er sah, daß die Nerven aus dem Gehirn entspringen, sagte er, der Augenschein spricht zwar für dich, aber Aristoteles sagt anders, und wenn ein Widerspruch vorliegt zwischen Aristoteles und der Natur, so glaube ich nicht der Natur, sondern Aristoteles. Das ist wirklich vorgekommen. Und so ist es noch heute. Gehen Sie heute zu denjenigen, die im alten Sinne vom philosophischen Standpunkt aus Seelenforschung begründen wollen, gehen Sie zu denjenigen, die Seelenforschung auf naturforscherische Art begründen wollen, sie werden behaupten, daß man das, was aus dem Geiste oder Leibe stammend den seelischen Erscheinungen zugrunde liegt, bloß aus dem Seelischen heraus irgendwie zu erklären habe; und wenn man noch so sehr auf Tatsachen der geistigen Beobachtung hinweist — sie ist ja nicht so leicht anzustellen wie unsere naturwissenschaftliche Beobachtung, und geistige Anatomie wird schwerer zu treiben sein als physische Anatomie -, es wird einem heute aus demselben Geiste heraus erwidert werden: Wenn ein Widerspruch besteht zwischen dem, was Wundt oder Paulsen oder irgendeine Autorität sagt, und demjenigen, was Geisteswissenschaft durch geistige Beobachtung zeigt, so glauben wir nicht der geistigen Beobachtung, sondern demjenigen, was in den Büchern steht, an die wir in dieser autoritätslosen Zeit gewöhnt sind. Denn heute glaubt man ja nicht mehr an Autoritäten, sondern — allerdings so, daß man es nicht bemerkt - an das, was irgendwie offhiziell abgestempelt ist. Geisteswissenschaft wird sich ebenso durchringen, wie sich Naturwissenschaft mit Bezug auf die Leibesforschung durchgerungen hat.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"4. Geist, Seele und Leib des Menschen","site_heading":null,"date":"1918-02-28","location":null,"word_count":383,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/67/1918-02-28/p030","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/67/1918-02-28/p030"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/67/1918-02-28/p030","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}