Die Offenbarungen des Unbewussten vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt
Eine andere Bedingung ist die, daß die Seele eines wirklichen Geistesforschers möglichst wenig zugänglich sein darf für Suggerierbarkeit, dafür, sich irgend etwas suggerieren zu lassen, daß sie möglichst skeptisch, möglichst kritisch gegenüberstehen muß auch den Dingen des äußeren Lebens. Wer sich am liebsten die Dinge, die er im Leben tun soll, von anderen sagen läßt, wer es am liebsten hat, wenn er nicht selber aus seinem freien Urteilsvermögen und aus seiner freien Willensentschließung heraus sich sein Leben einrichtet, der taugt nicht viel zum Geistesforscher. Wer weiß, welch große Rolle auch im normalen alltäglichen Leben Suggerierbarkeit spielt, der weiß auch, wie schwer anzukämpfen ist gegen diese allgemein übliche Suggerierbarkeit. Man bedenke nur, wieviel gerade im öffentlichen Leben sich die Menschen suggerieren lassen, wie wenig sie darauf aus sind, zu versuchen, sich in ihrer eigenen Seele die Bedingungen zu verschaffen für selbständiges Urteil und für die Einrichtung der Lebensverrichtungen aus den eigenen Willensimpulsen heraus. Den Menschen, welche eingehen auf die Geistesforschung, weil sie aus ihrem gesunden Menschenverstande heraus ein Verhältnis zur geistigen Welt gewinnen wollen, wird sehr häufig vorgeworfen, daß sie blind an den Geistesforscher glauben. Es darf gesagt werden, solche blinden Anhänger kann der Geistesforscher, der wirklich versucht, durch schauendes Bewußt sein in die geistige Welt einzudringen, sich am allerwenigsten wünschen. Und eine Gesellschaft von Menschen, die also einem solchen Geistesforscher anhingen, wäre die Karikatur einer Gesellschaft, die geeignet wäre, um solche geistige Erkenntnis zu pflegen. Im Gegenteil, der wirkliche Geistesforscher muß es erleben und wird es mit Freude erleben, daß gerade diejenigen, die ihm nahetreten, über kurz oder lang auch ihm gegenüber zu einem selbständigen Urteil, zu einer gewissen inneren Freiheit kommen, und daß sie nicht durch blinde Anhängerschaft, durch Suggerierfähigkeit sich zu ihm halten, sondern durch die gemeinsamen Interessen gegenüber der geistigen Welt.