Die Offenbarungen des Unbewussten vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt

GA 67/1918-03-21/p011 ·1918-03-21 · original (original)
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Noch eine besondere Eigentümlichkeit möchte ich heute erwähnen, die Licht werfen kann auf das Verhältnis der geistigen Wirklichkeit zur physischen Wirklichkeit, noch eine besondere Eigentümlichkeit im Verhalten der menschlichen Seele zu dieser geistigen Welt. Es wird ja sehr häufig gesagt, es seien Vorurteile, die der Geistesforscher aus der sinnlichen Welt heraus mitbringt, und durch die er dann irgendeine erträumte geistige Welt charakterisieren will. Ich habe schon in diesem Vortrage angedeutet: Tritt man wirklich in die geistige Welt ein, so kommt es immer anders. Man kann sich davon überzeugen, daß dasjenige, was einen in die geistige Welt hineinträgt, was einen in der geistigen Welt erfahren und erleben läßt, daß das sich immer anders herausstellt, als man vorher geglaubt hat. Gerade deshalb, weil es sich anders herausstellt, sieht man, daß man es mit einer Welt zu tun hat, die man sich erst dadurch erobert, daß man die Seele für sie geeignet macht, daß man nicht in eine erträumte Welt Reminiszenzen aus der physischen Welt hineinträgt. Aber dazu kommt etwas, was sehr paradox klingt, was aber derjenige, der aus einer jahrzehntelangen Erfahrung in bezug auf die Dinge der geistigen Welt spricht, wohl sagen kann. Dazu kommt, daß man noch so geschult sein kann im leibfreien Erkennen, daß man noch so geübt sein kann im Hineinschauen in die geistige Welt: Wenn man irgendein besonderes Wesen, einen besonderen Vorgang wiederum ins Auge faßt, insbesondere einen solchen Vorgang, der eine Beziehung der geistigen Welt zur äußeren physischen Wirklichkeit darstellt, so wird man sehr häufig die folgende Erfahrung machen: Man bekommt zunächst eine Art geistigen Erlebens, man glaubt eine Wahrheit zu erkennen über irgend etwas in der geistigen Welt; man wird aber in der Regel finden, daß dieses erste Erlebnis, das man hat, falsch ist. Daher eignet sich der Geistesforscher jene Vorsicht an, die ihn dazu führt, schon vorauszusetzen, daß das erste Erlebnis falsch ist. Indem er dann immer weiter und weiter schürft, stellt sich ihm heraus, warum er auf dem falschen Wege war, und in dem Vergleichen des späteren Richtigen mit dem vorherigen Falschen ergibt sich ihm etwas, wodurch er erst recht erkennt, worauf es ankommt. Daher wird der Geistesforscher in der Regel erst sehr lange, nachdem er über irgendein Gebiet Forschungen angestellt hat, seinen Mitmenschen die Ergebnisse mitteilen, weil er weiß, wie notwendig es ist, gerade auf dem Gebiete des geistigen Lebens das Wahre dadurch zu erkennen, daß man sich erst durch Täuschung und Irrtum durcharbeiten muß. Diese Täuschung, dieser Irrtum, sie rühren davon her, daß wir ja beim Erforschen des geistigen Lebens ausgehen von der sinnlichen Welt. Da bringen wir unsere Urteilskräfte, die Art unseres Anschauens aus der sinnlichen Welt in die geistige Welt hinein. Zuerst sind wir immer geneigt, das, was wir so hineintragen in die geistige Welt, anzuwenden. Da kommen dann die schiefen, die Fehlurteile. Aber gerade dadurch, daß man genötigt ist, sich jedesmal aufs neue zu überzeugen, wie man sich anders verhalten muß gegenüber den geistigen als gegenüber den physischen Dingen, bemerkt man erst die verschiedenen intimen Eigentümlichkeiten des geistigen Erlebens. So stellt sich — es könnte noch verschiedenes in dieser Beziehung angeführt werden — das geistige Erleben in einer gewissen Weise gegenüber dem gewöhnlichen alltäglichen Erleben allerdings wie etwas Paradoxes hin. Was aber gerade derjenige erkennt, der in die geistige Welt hineinschauen kann, das ist erstens, daß das Ewige, das Unvergängliche der menschlichen Seele sich im gewöhnlichen Erleben, das durch den Leib vollzogen wird, für das Bewußtsein nicht ausdrücken kann, sich verbirgt, weil der Mensch hier im physischen Leben durch seine Leibesorganisation sich nur die Erkenntnis des Physischen verschaffen kann. Daher ist es so notwendig, daß der Geistesforscher streng betont, die Gewinnung von Erkenntnissen des Geistigen wird außerhalb des Leibes vollzogen. In dem Augenblick, wo irgendwie der Leib sich beteiligt an der Gewinnung solcher Erkenntnisse, wird diese Erkenntnis verfälscht, sie wird sogar verfälscht, wenn sich die Erinnerung, die nur im Leib aufbewahrt wird, daran beteiligt.

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