Die Offenbarungen des Unbewussten vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt
Auch das moralische Urteil schweigt im Traum. Man weiß ja, daß man im Traum allerlei Verbrechen und sonstige Dinge begeht, deren man sich im wachen Tagesleben schämen würde, Man kann einwenden, daß ja gerade im Traum das Gewissen sich regt, ja, daß das Gewissen im Traum sich oftmals in einer ganz merkwürdigen Weise geltend macht. Man braucht sich nur an die in Shakespeares Werken vorkommenden Träume zu erinnern, dann wird man finden — Dichter tun solche Dinge in der Regel mit Recht -, daß hingewiesen werden kann auf den Schein, als ob gerade durch den Traum moralische Vorwürfe sich besonders zur Erscheinung bringen. Wiederum nur eine ungenaue Beobachtung. Vielmehr ist durchaus richtig, daß wir im Traum herausgerissen sind aus der gewöhnlichen moralischen Beurteilung, die wir im äußeren Leben im Zusammenhang mit den Menschen erwerben müssen und uns aneignen können. Wenn der Traum uns dennoch scheinbar gerade moralische Vorurteile und moralische Vorwürfe bildlich anschaulich vor die Seele führt, so rührt das nicht davon her, daß wir als Träumende moralisch urteilen, sondern es rührt davon her, daß wir, wenn wir uns moralisch verhalten, eine gewisse befriedigende Stimmung in der Seele haben, daß wir befriedigt gestimmt sind über etwas, wozu wir moralisch «ja» sagen können. Dieses Befriedigtsein, nicht das moralische Urteil, das ist es, was im Traum sich uns vor die Seele stellt. Ebensowenig wie Logik ist moralisches Urteil im Traum vorhanden. Es ist eben notwendig, wenn man wirklich Wahrheit sucht, viel genauer und intimer zu Werke zu gehen, als man es gewöhnlich im Leben und auch in der Wissenschaft versucht. Den groben Methoden, die man gewöhnlich anwendet, ergeben sich solche Dinge nicht recht. Es ist also außerordentlich wichtig, daß weder die Logik noch das moralische Urteil in die Traumwelt Einlaß finden. Wir werden gleich hören, warum das der Fall ist.