Die Offenbarungen des Unbewussten vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt

GA 67/1918-03-21/p025 ·1918-03-21 · original (original)
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Das ist das eine Resultat. Das andere möchte ich mit einem persönlichen Erlebnis charakterisieren. Als ich vor nicht langer Zeit in Zürich einen Vortrag über das Traumleben und damit verwandte Gebiete hielt, da hörte ich dann, daß verschiedene Zuhörer, die aus der gegenwärtigen wissenschaftlichen Disziplin, die man die analytische Psychologie oder Psychoanalyse nennt, besonders klug geworden sein wollten, nach meinem Vortrage sagten: «Ja, dieser Mann ist noch in Vorurteilen befangen, über die wir in der Psychoanalyse längst hinaus sind. Er glaubt, das Traumleben als etwas Wirkliches nehmen zu sollen, während wir wissen, daß das 'Traumleben nur als symbolische Ausgestaltung des Seelenlebens genommen werden darf.» Ich will mich auf Psychoanalyse hier nicht einlassen, sondern nur erwähnen, daß diese Klugheit nur auf einem grobklotzigen Mißverständnis beruht. Denn es wird dem wirklichen Geistesforscher gar nicht einfallen, dasjenige, was sich im Traume darbietet, so, wie es sich darbietet, als unmittelbar wirklich zu nehmen. Er nimmt nicht einmal den Traum in seinem Verlauf, wie ihn der Psychoanalytiker nimmt, unmittelbar als symbolische Handlung, sondern ihm kommt es auf etwas ganz anderes an. Wer bekannt ist mit dem Traumleben, der weiß: Zehn Menschen und auch mehr können inhaltlich die verschiedensten Träume erzählen, und es kann ihnen doch derselbe Tatbestand zugrunde liegen. Der eine erzählt, er sei auf einen Berg hinaufgegangen, und sei dann oben von etwas besonders Freudigem überrascht worden, der andere erzählt, er sei durch einen dunklen Gang gegangen bis zu einer Tür, die habe sich dann unverhofft geöffnet, ein Dritter erzählt etwas anderes. Die Träume sehen sich in ihrem Verlauf äußerlich nicht im geringsten ähnlich, dennoch gehen sie auf ein ganz gleichgeartetes, wirkliches Erlebnis zurück, nämlich auf dieselbe Spannung und Entspannung, die sich einmal in diesen Bildern, das andere Mal in jenen Bildern symbolisiert. Also nicht auf die Wirklichkeit des Traumes, nicht einmal, wie die Psychoanalytiker meinen, auf die Symbole kommt es an, sondern auf die innerliche Dramatik des Traumes. Man muß imstande sein, aus den bedeutungslosen Bildern in ihrer Aufeinanderfolge diese innere Dramatik zu erkennen, die Wirklichkeit, in der die Seele mit ihrem geistig-seelischen Wesenskern lebt, indem sie träumt. Diese Wirklichkeit ist eine ganz andere als das, was sich in den Traumbildern zum Ausdruck bringt. Darauf kommt es an. So weist schon der Traum tief hinunter in die unterbewußten und unbewußten Untergründe der Seele. Aber dasjenige, was er ausgestaltet, ist nur eine Verkleidung dessen, was eigentlich, während geträumt wird, wirklich erlebt wird.

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Cite: GA 67/1918-03-21/p025 · edition original