Die Offenbarungen des Unbewussten vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt

GA 67/1918-03-21/p029 ·1918-03-21 · original (original)
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Ich gehe über zu dem zweiten Gebiet, welches an der Grenze des menschlichen Seelenlebens als unbewußte Erscheinung auftreten kann, dasjenige, was in dieses Seelenleben hineintritt in der Form der Halluzination, Vision und dergleichen. Selbst Philosophen, die gut urteilen können, wie Eduard von Hartmann zum Beispiel, den ich außerordentlich hoch stelle in bezug auf den Scharfsinn seines Urteils, sie sind, weil sie nicht vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus den Traum wirklich durchschauen konnten, verführt worden zu glauben, daß dasjenige, was sich als Bild im 'Traume vor die Seele stellt, eigentlich gleichartig sei mit dem, was sich durch eine Halluzination oder eine Vision als Bild vor die Seele stellt. Aber diese Gebiete sind grundverschieden voneinander. Dadurch, daß der wirkliche Geistesforscher weiß, welche Seelenverfassung vorhanden ist, wenn man in der geistigen Welt drinnensteht, und diese mit der Seelenverfassung des Träumenden vergleichen kann, ist er imstande, gewisse Eigentümlichkeiten des Traumlebens zu würdigen, wie etwa, daß der Traum nicht die Logik aufnimmt. Denn der Geistesforscher weiß, daß dieses sinnliche Erleben nicht bedeutungslos ist, sondern daß es ebenso wie das leibfreie Erleben zwischen Tod und neuer Geburt seine Aufgaben im Gesamtleben des Menschen hat. Dazu gehört zum Beispiel, daß wir uns gerade im Umgang mit der sinnlichen Außenwelt die Logik aneignen können, die aus der sinnlichen Außenwelt in unsere Seele hineinfließt. Ebenso weiß der Geistesforscher, daß auch das moralische Urteil sich unmittelbar im physischen Erleben, im Miterleben der menschlichen Kultur zum Ausdruck bringt. Nicht eine Flucht aus dem Leben, nicht eine falsche Askese kann jemals für wirkliche Geisteswissenschaft sich ergeben, sondern volle Anerkennung dieses Lebens, weil Logik und moralische Urteilsfähigkeit, moralische Impulse der Seele einverleibt werden dadurch, daß sie im sinnlichen Leben mit der Außenwelt in Berührung kommt.

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