{"corpus":"steiner","locus":"GA 67/1918-03-21/p030","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nun handelt es sich darum, daß tatsächlich der Traum, ich möchte sagen, nur etwas hineinleuchtet in das abnorme Seelenleben. Geisteswissenschaft zeigt, wie die Seele leibfrei ist im Traum, und die Traumerlebnisse unabhängig sind vom Leibeserleben, ebenso wie sie getrennt sind von der im Wachleben vorhandenen Verbindung mit der Außenwelt. Der Mensch ist wirklich leibfrei im Traum. Ist er es auch in der Halluzination, in der Vision? Nein, das ist er nicht! Denn Halluzinationen und Visionen kommen gerade durch die Abnormitäten des physischen Leibes zustande. Niemals kann wirkliches visionäres, halluzinierendes Leben in der Seele zutage treten in unabhängigem Erleben von dem Leibe. Es muß immer irgend etwas im Leib gestört, krank sein, unrichtig oder zu schwach funktionieren, so daß der Mensch mit seinem Leib nicht diejenige volle Verbindung eingehen kann, welche dann vorhanden ist, wenn er sich seines Nerven- und Sinnessystems so bedient, daß er wirklich die Außenwelt miterlebt, indem er sich erlebt. Es ist das Eigentümliche, daß, wenn irgendein mit dem Erkennen irgendwie zusammenhängendes Organ erkrankt oder zu schwach ist, dann allerdings eine Erscheinung wie die Halluzination oder die Vision eintreten kann, die ähnlich ist dem geistigen Erleben, aber doch prinzipiell davon verschieden. Während das geistige Erleben auf dem leibfreien Zustande beruht, tritt dieses halluzinierende oder visionäre Leben dadurch ein, daß irgend etwas krankhaft oder zu schwach ist im Leibe. Was liegt im besonderen dem halluzinierenden, dem visionären Leben zugrunde? Nun, das gewöhnliche Vorstellen, wie es im Sinnesleben normalerweise stattfindet, bringt es dazu, unabhängig zu sein von denjenigen Kräften in der menschlichen Organisation, die das gewöhnliche Wachstum im Kindesalter hervorbringen, die die inneren Funktionen des Leibes bewirken, den Stoffwechsel, die Verdauung und so weiter. Ich kann darauf heute nicht näher eingehen, wie dasjenige, was als Leibesorganisation dem normalen Vorstellungsleben zugrunde liegt, dadurch entsteht, daß ein Teil der Leibesorganisation herausgehoben wird aus dem Kreise des bloß animalischen Lebens, des bloßen Wachstums, der Verdauung, des Stoffwechsels und so weiter. Darauf beruht das normale Nervenleben, daß gewissermaßen ein Seelenorganismus wie ein Parasit sich herausgestaltet aus demjenigen, was Verdauung, Stoffwechsel und dergleichen ist. Wenn nun durch besondere abnorme Zustände irgendein Erkenntnisorgan des Menschen so ergriffen wird, daß nicht der Seelenorganismus allein durch dasselbe wirkt, sondern auch der übrige Organismus mit seiner animalischen Organisation, eben durch die Krankhaftigkeit oder die Schwäche eines Organs, so ist die Wirkung, daß der Mensch sich nicht unabhängig von Wachstums-, Verdauungs- und Stoffwechselkräften dem vorstellenden Leben der Außenwelt widmet, sondern daß dann Halluzinationen und Visionen eintreten. Dasjenige, was in der Vision organisch im Menschen tätig ist, sollte entweder in den Wachstumskräften sein, sollte in ihm — verzeihen Sie den harten Ausdruck, aber so ist es — Verdauung bewirken, sollte den Stoffwechsel in seiner feineren Gliederung bewirken. Was in diesem Zustande zutage tritt, ist ein Heraufschlagen des animalischen Lebens in den Seelenorganismus.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Die Offenbarungen des Unbewussten vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt","site_heading":null,"date":"1918-03-21","location":null,"word_count":461,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/67/1918-03-21/p030","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/67/1918-03-21/p030"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/67/1918-03-21/p030","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}