Die Offenbarungen des Unbewussten vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt
Das Halluzinieren, Visionieren ist daher nicht eine Erhöhung des Lebens, ist vielmehr eine Durchsetzung des Lebens mit dem Animalischen, das sich sonst nicht in den Seelenorganismus hineinerstreckt. Es wird das, was ganz anderen Vorgängen dienen sollte, hinaufgetragen in die Erkenntnis, in die Anschauungsvorgänge. Daher ist die Halluzination und Vision immer ein Ausdruck davon, daß etwas nicht in Ordnung ist im Menschen. Zwar ist dasjenige, was da zutage tritt, ein Geistiges, aber ein Geistiges, das die Geisteswissenschaft nicht brauchen kann; denn Geisteswissenschaft kann nur das brauchen, was unabhängig vom Leibe erfahren wird. Sie sehen, wie unbegründet es ist, wenn immer wiederum das Mißverständnis auftaucht, als wenn Geisteswissenschaft irgendwie ihre Erkenntnis gewänne durch Visionen, Halluzinationen und dergleichen. Sie zeigt im Gegenteil, daß diese Zustände irgendwie zusammenhängen mit Abnormitäten in der Leibesorganisation, und daß sie niemals hineingetragen werden dürfen in die Ergebnisse der Geisteswissenschaft. Niemals sind Halluzinationen und Visionen gleich dem, was als Traumbild auftritt. Was als Traumbild auftritt, entsteht außerhalb des Leibes und spiegelt sich nur im Leib; was als Halluzination und Vision auftritt, entsteht dadurch, daß irgend etwas im Leib gewissermaßen ausgespart ist. Würde es normal funktionieren, dann würde der Mensch mit gesunden Sinnen in der Sinnenwelt drinnenstehen. Dadurch, daß es sich ausspart, kommt das Geistig-Ewige, das unsichtbar bleiben sollte in der Leibesorganisation, gerade durch die Leibesorganisation zum Vorschein. Das ist nicht nur eine physische Erkrankung, das ist eine seelische Abnormität, etwas, was die Bilder aus der geistigen Welt nur trüben, nur verfälschen könnte. Man braucht sich nicht zu wundern, daß, wenn irgend etwas herabgestimmt ist im Leib, dann Bilder auftreten. Denn wodurch treten die Sinnbilder auf? Dadurch, daß eben dasjenige, was in normaler Weise dem Stoffwechsel, der Verdauung dient, herabgestimmt wird, und daß sich das im Seelenorganismus als etwas anderes geltend macht. Wenn es nun mehr, als eigentlich sein sollte, herabgestimmt ist im Menschen, dann tritt eben abnormes Bewußtsein zutage. Dasjenige, was wir als Sinnbilder im normalen Bewußtsein haben, ist bedingt durch herabgestimmtes Leibesleben, aber normal herabgestimmtes Leibesleben. Ist es mehr herabgestimmt, so erscheint irgend etwas, was nur von dieser Herabstimmung, die eigentlich nicht da sein sollte, herrührt. So kann man sagen, daß das halluzinierende und visionäre Leben ein gehemmtes Streben im Menschen darstellt. Wenn der Mensch sich von der Kindheit bis ins reife Alter entwickelt, so strebt er eigentlich in seine Leibesorganisation hinein. Er strebt, sein Geistig-Seelisches immer mehr und mehr so zu entwickeln, daß der Leib als völliges Werkzeug der seelischen Betätigung gebraucht werden kann. Das wird gehemmt dadurch, daß irgend etwas im Leib nicht gesund ist. Wenn der Mensch so heranwächst, daß er sich seines Leibes bedienen kann, wächst er hinein in das, was seine physische Selbständigkeit, seine physische Egoität hier in der Sinnenwelt ist, er wächst in dasjenige Quantum von Egoismus hinein, das notwendig ist, damit der Mensch wirklich ein auf sich gestelltes Wesen ist, damit er seine menschliche Bestimmung erfüllen kann. Dieses Quantum von Egoismus muß selbstverständlich mit der gehörigen Selbstlosigkeit verknüpft sein. Dasjenige, um was es sich handelt, ist, daß der Mensch sein Leben mit den Kräften seines Ichs durchdringt. Kann er das durch irgendwelche Hemmungen nicht, so ist er auf der Suche nach dem Quantum Egoismus, das ihm notwendig ist, auf eine krankhafte Weise. Das drückt sich dann im halluzinierenden und visionären Leben aus, das immer darauf beruht, daß der Mensch den für das Leben notwendigen Egoismus durch seine Leibesbeschaffenheit nicht erlangen kann.