10. Der Übersinnliche Mensch III

GA 67/1918-04-20/p005 ·1918-04-20 · original (original)
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Nun wissen Sie, daß auch wissenschaftlich über die Fragen der Willensfreiheit und der Unsterblichkeit verhandelt worden ist und wird von den ältesten Zeiten des menschlichen Nachdenkens bis in unsere Tage herein. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hat man versucht, diese beiden Fragen geradezu als einer kindlichen Anschauungsweise des menschlichen Denkens entsprungen hinzustellen. Davon ist man in der letzten Zeit abgekommen. Man ist vorsichtiger geworden, aber die Hauptsache ist nicht anders geworden. Im wesentlichen kann man sagen: Die philosophischen Betrachter dieser Fragen kommen, wenn sie noch so vorsichtig sind, doch nicht viel weiter als zu einer Art Geständnis, daß die menschlichen Denkmethoden doch eigentlich nicht ausreichen, um über diese Fragen irgend etwas Bestimmtes ausmachen zu können. Ich werde Sie nicht mit einer Überschau desjenigen aufhalten, was in dieser Beziehung vor die Menschen hingestellt worden ist, sondern möchte mein Thema von dem Gesichtspunkte aus betrachten, der in allen diesen Vorträgen hier geltend gemacht worden ist. Nur das eine möchte ich vorausschicken, daß es doch auffällig ist, daß bei immerhin ernster Aufwendung aller möglichen menschlichen Denkmittel, alles möglichen Scharfsinnes für die gewöhnliche Philosophie nicht viel mehr herauskommt als eine Art Zweifelsucht in diesen Fragen. Das wird Sie, nach den letzten Ausführungen, besonders dann nicht verwundern, wenn Sie bedenken, daß die höchsten Offenbarungen des Menschenwesens herauskommen müssen aus dem innersten Kern dieses menschlichen Wesens, und daß dieser innerste Kern des Menschen im Übersinnlichen gesucht werden muß, also in einem Gebiete, in das die gewöhnlichen Erkenntniskräfte, die an den äußeren menschlichen Organismus gebunden sind, nicht hineinkommen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn, bevor man in die geisteswissenschaftliche Betrachtung eintritt, gerade über diese Fragen keine sonderlichen Lichter aufgesteckt werden können. Die Forscher machen dabei immer die Erfahrung, daß sie mit unzulänglichen Erkenntnismitteln arbeiten. Sie spüren, ohne daß sie sich dessen klar bewußt werden, daß im Menschenwesen, wie es sich darlebt, ein übersinnliches Leben drinnensteckt, daß aber alles, was dieses Menschenwesen mit Hilfe des gewöhnlichen Organismus betrachten kann, entweder auf die Sinneswelt gerichtet oder von ihr abgezogen, abstrahiert ist, so daß man sich deshalb mit einer Betrachtung des innersten menschlichen Wesenskernes in einer Lage befindet, die man mit derjenigen vergleichen kann, in der sich zum Beispiel das menschliche Auge befindet. Das Auge kann die Dinge um sich herum wahrnehmen, aber nicht sich selbst wahrnehmen. Da das Auge ein äußerer Sinnesapparat, also ein äußerer Gegenstand ist, so kann das Auge selbstverständlich einen andern Menschen, soweit er ein Sinnesgegenstand ist, beobachten. Aber das eine ist klar: Man ist nur in der Lage, dieses menschliche Auge zu beobachten, wenn man seinen Standpunkt außerhalb dieses Auges nehmen kann. In einer ähnlichen Lage ist der Betrachter des menschlichen Selbst, des menschlichen Seelenwesens in seinem Wesenskern. Er müßte sich «außerhalb» des menschlichen Seelenwesens befinden, wenn er es beobachten wollte. Und da kann man nicht sagen, daß ein anderer dieses menschliche Seelenleben beobachten kann, denn einem andern zeigt sich ja auch nur die menschliche Körperlichkeit. Da genügt es nicht, daß ein anderer die Aufmerksamkeit auf das Seelenwesen richtet; da ist es notwendig, daß der Betrachter seines eigenen Wesens nun wirklich es zustande bringen könnte, aus seinem eigenen Wesen herauszutreten, um es zu beobachten. Vielleicht führt uns ein anderer Vergleich dazu, das zu veranschaulichen, was im Gegenstande der heutigen Betrachtung liegen soll.

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