10. Der Übersinnliche Mensch III

GA 67/1918-04-20/p012 ·1918-04-20 · original (original)
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Eine zweite Stufe ist die, daß nun der so Übende, der gewissermaßen sich selbst zum Werkzeug des Erlebens der geistigen Welt Machende aufmerksam sein muß auf das, was er so erlebt mit seinem imaginativen Denken. Er muß die Fähigkeit erlangen, sich nicht nur der Bilder bewußt zu werden, sondern sich auch bewußt zu werden der eben beschriebenen Tätigkeit, die niemals unterlassen werden darf, während man imaginativ forscht. Er muß gewissermaßen ein erhöhtes, erkraftetes Selbstbewußtsein entwickeln. Dadurch stellt sich aber etwas ganz Besonderes ein. Man gelangt dadurch eigentlich erst dazu, die ganze Bedeutung der imaginativen Erkenntnis zu fassen. Denn man kann wissen, wenn man die Seele genügend dazu vorbereitet hat: Mit dem imaginativen Bewußtsein gelangt man eben zu nichts anderem als zu Bildern; man hat nur eine Bilderwelt, gar keine Realität vor sich. Man weiß, es ist eine Bilderwelt, aber eben nur Bild einer Realität. Indem man jedoch dazu gelangt, etwas weiterzugehen in dem geistigen Entwickelungsprozeß, indem man die Aufmerksamkeit der Seele etwas ablenkt von den Bildern und mehr hinlenkt auf die eigene Tätigkeit, auf das erstarkte Selbstbewußtsein, das sich da entwickeln muß, kommt man zu etwas, was noch weniger dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein bekannt ist als die imaginative Welt. Man kommt nämlich dazu, daß wie durch das Inanspruchnehmen des Selbstbeharrungsvermögen dieser Kräfte des Haltens die Bilder nach und nach abfluten, verschwinden. Was man erst hervorgerufen hat, das verschwindet nun nach und nach. Aber es verschwindet nicht die Realität, sondern anstelle der Bilder, die man zuerst geistig-seelisch geschaut hat, tritt etwas, was aus den Bildern sich offenbart, was aus ihnen «spricht». Die Bilder werden gleichsam beseelt; sie sagen einem so etwas, wie die Farben und Töne der äußeren Gegenstände sagen. Während man zuerst bloß Bilder gehabt hat, taucht jetzt eine geistig-seelische Realität aus den Bildern auf, und es tritt eine zweite Stufe des übersinnlichen Bewußtseins ein, für die ich bisher kein besseres Wort gefunden habe - trotz der Mißverständnisse, die sich daran geknüpft haben - als inspiriertes Bewußtsein. Das tritt ein, wenn die Tätigkeit der Imagination gehalten wird, und so gehalten wird, daß durch die Kräfte des Haltens gewissermaßen die Bilder abfluten und das, was als Realität aus ihnen sprechen kann, wirklich zu dem Menschen spricht. Da merkt man etwas außerordentlich Bedeutsames, und es kommt ja bei allen diesen Dingen darauf an, daß man keinen Schritt der Geistesforschung vollzieht, ohne volles Bewußtsein zu entfalten. Man muß sich klar sein über jeden Schritt, den man macht. Alles unbestimmt Mystische, alles Träumerische kann nicht auf dem Boden der Geisteswissenschaft erwachsen. Wessen man sich bewußt wird, ist das, daß die ganze Bilderwelt, die man zuerst gehabt hat, eigentlich nur ein Mittel war, um zur Realität vorzudringen. Der Visionär beschreibt seine Bilder. Der imaginativ Erkennende hat auch Bilder; er wird sie aber nur in der Weise beschreiben, daß er meint, sie sind das Mittel, um zur Realität vorzudringen. Er wird nicht sagen, in den Bildern ist ihm die Realität gegeben, sondern höchstens: In den Bildern ist ihm etwas wie Sinnesorgane gegeben. Die Sinnesorgane sind auch etwas, was zur Wirklichkeit führt, aber man schaut es nicht selber an, indem man auf die Wirklichkeit sieht. So schaut man die Wirklichkeit nicht an, indem man die Bilder anschaut oder beschreibt, sondern es müssen die Bilder erst abfluten. Wie das Auge, wenn es nicht voll durchsichtig wäre, wenn es getrübt und selber wahrnehmbar wäre, nicht eine äußere Realität sehen könnte, so können auch für die imaginativen Bilder nicht geistig-seelische Realitäten auftreten, bevor diese Bilder abgeflutet, Mittel geworden sind, Geistesaugen und Geistesohren geworden sind, wenn auch in anderm Sinne als die gewöhnlichen Augen, um zu sehen, und die gewöhnlichen Ohren, um zu hören. Dasjenige, wozu die Bilder nur das Mittel sind, das ist das, was hinter den Bildern schon steckt. Was durch die Bilder sich nunmehr ausspricht, das ist die geistige Realität.

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