10. Der Übersinnliche Mensch III

GA 67/1918-04-20/p018 ·1918-04-20 · original (original)
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Es wäre sehr verlockend, wenn ich statt eines Vortrages deren vierzig zur Verfügung hätte, auf alles hinzuweisen, was aus der heutigen Wissenschaft streng beweisend dafür angeführt werden könnte, daß die menschliche Organisation eine aufsteigende Entwickelung zeigt, daß aber diese aufsteigende Entwickelung selbst sich zurückhält, und daß im Haupt eine rückläufige Entwickelung vorhanden ist. Diese drückt sich grob dadurch aus, daß der Kopf das verknöchertste am Menschen ist, was am stärksten dasjenige rückgebildet hat, was sonst blühendes, sprießendes Leben ist. Dadurch ist der Kopf gerade das Organ des gewöhnlichen Bewußtseins, daß in ihm die Entwickelung nicht fortschreitet, sondern zurückgenommen wird. Während in vieler Beziehung das übrige menschliche Leben verglichen werden kann mit strotzender, auf Sättigung beruhender Entwickelung, muß das, was im Haupte geschieht, verglichen werden mit einem fortwährenden langsamen Abbau der Entwickelung. Die Nerventätigkeit des Kopfes, überhaupt die ganze Tätigkeit des Kopfes und auch der Sinnesapparate beruht darauf, daß der Mensch sich mineralisiert in diesem Gebiete seines Seins; er baut ab, es ist ein langsames Sterben, ein Aufnehmen des Sterbens gegen das Haupt hin. Betrachten Sie einmal so den Menschen, wie er in strotzendem, aufwärtssteigendem Leben vor Ihnen steht und wie er dann jenes absteigende Leben in seine Organisation aufnimmt, seine eigene Zerstörung; so schafft dieser Abbau Platz, und indem er Platz macht, stellt sich an diesen Platz etwas anderes hin, nämlich sein Seelisch-Geistiges. Der Mensch denkt nicht dadurch, daß dieselben Kräfte, die sonst in seinem Wachstum, in seinem sprießenden, sprossenden Leben wirken, auch im Haupte und überhaupt in der ganzen Denkorganisation tätig sind, nein, er denkt dadurch, daß diese wachsenden, sprossenden Kräfte abziehen, in sich selbst verfallen und dem Platz machen, was sich nun an die Stelle dessen setzt, was sonst im wallenden, wogenden Blute eine Bewußtlosigkeit des übrigen Organismus hervorruft. Wird man einmal einsehen, daß der Mensch sein freies Denken dadurch entwickelt, daß er nicht so gradlinig, wie es die Naturwissenschaft darlegt, die Entwickelung auch in das Haupt hinein fortsetzt, sondern daß, um das Denken zu entfalten, die Entwickelung rückläufig werden muß, dann wird man erst den Zusammenhang verstehen zwischen der menschlichen Organisation und dem Denken. Man wird verstehen, wie das Denken in die Organisation eingreift, daß aber, damit es eingreifen kann, die menschliche Organisation erst zurückgebogen, erst abgebaut werden muß.

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