10. Der Übersinnliche Mensch III

GA 67/1918-04-20/p020 ·1918-04-20 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Ich komme da auf ein Kapitel zu sprechen, das heute auch verpönt ist; aber es wird wohl nicht sehr lange dauern, bis eine innere Notwendigkeit die Menschen zu diesem führt. Man braucht sich nur an die bedeutungsvolle Rede erinnern, die in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der berühmte Physiologe Ds Bois-Reymond gehalten hat über die «Grenzen des Naturerkennens», in der er über die «Welträtsel» sprach. Du Bois-Reymond war in einer gewissen Beziehung geneigt, vorsichtig zu erwägen, nicht mit allen Segeln in den Materialismus hineinzusegeln. Da hat er zwei solcher Erkenntnisgrenzen aufgestellt: das Bewußtsein und die Materie. Er hat ja mit Recht gesagt: Im materiellen Leben geschieht dasselbe, was im Gehirn geschieht: Wasserstoff-, Stickstoff-, Kohlenstoffatome bewegen sich nach bestimmten Gesetzen; das aber kommt der Seele zum Bewußtsein, und schon die einfachsten Empfindungen, die im Bewußtsein auftreten, kann man nicht aus den Bewegungen der Atome herleiten, kann auch keinen Zusammenhang zwischen den Bewegungen der Atome und den Empfindungen herleiten. Und dann sagt er, und das ist bedeutungsvoll: Wüßte man, was da ist, wo Materie im Raume spukt, so wüßte man vielleicht auch, wie Materie denkt. Er weiß zwar nicht, was es ist, wovon er meint, daß es da im Raume «spukt». In einer gewissen Beziehung hat er recht, aber er hat auch recht mit dem, was er für seine Wissenschaft als «Grenzen» meint. Denn mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, mit dem man auch in der gewöhnlichen Wissenschaft steht, entwickelt man Vorstellungen, Empfindungen, Gedanken; aber all dieses steht eigentlich recht ferne den Vorgängen im materiellen Leben. Und gerade deshalb konnte Du Bois-Reymond darauf hinweisen: Man weiß nicht, was als Materie im Raume spukt; wüßte man das, könnte man in diese materiellen Vorgänge untertauchen, so könnte man auch darauf kommen, was mit einem materiellen Vorgange zusammenhängt als geistiges Leben. In einem gewissen Sinne hat er recht, trotzdem seine Denkweise ganz materlalistisch ist: daß man auch mit dem gewöhnlichen Denken den Vorgängen des geistigen Lebens ferne steht. Man durchschaut sie nicht, es sind mehr schattenhafte Gebilde, man dringt nicht in die Vorgänge hinunter.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/67/1918-04-20/p020.json
Cite: GA 67/1918-04-20/p020 · edition original