10. Der Übersinnliche Mensch III
In dem Augenblick, wo man das Seelenleben so entwickelt, wie ich es vorhin charakterisiert habe, wo man hinuntersteigt in das imaginative Bewußtsein, da kommt man auch den materiellen Vorgängen — und zwar zunächst denen des eigenen Leibes — näher. Man steht ihnen dann nicht mehr so fern, wie man ihnen sonst steht mit den gewöhnlichen schattenhaften Vorstellungen. Das gewöhnliche Bewußtsein hat schlechterdings kein Mittel, um zu sagen, wie Vorstellungsleben und Gedankenleben zu den Vorgängen im Gehirn stehen. Hypothesen über Hypothesen sind aufgestellt worden; aber nirgends ist etwas aufgetaucht, was wirklich in dieser Beziehung befriedigt hätte, abgesehen von gewissen anatomisch-physiologischen Untersuchungen, die aber auch wieder dem wahren Wesen der Dinge sehr fern stehen. Indem man aber in ein anderes Bewußtsein rückt, muß man näher rücken dem gewöhnlichen Vorstellen. Da kommt man zu dem, was heute noch für viele Menschen paradox klingt, was aber erlebt werden kann, und erst erlebt wird durch das imaginative Bewußtsein. Wer das Denken erleben kann — sonst führt man es nur aus, es wirkt unbewußt -, wer mit dem schauenden Bewußtsein auf das hinschauen kann, was eigentlich im Denken vor sich geht, der kommt damit auch den materiellen Vorgängen näher, er wird eigentlich zu einer Art Materialismus hingetrieben, aber es ist nur ein Materialismus, der in der Materie den Geist findet. Er lernt nämlich erkennen — mag man auch heute noch darüber lachen, einmal wird man nicht darüber lachen -, daß das, was dem materiellen Vorgang im Gehirn zugrunde liegt, eigentlich ein im Gehirn lebendes, nicht ein über den ganzen Leib ausgebreitetes Hungergefühl ist. Und dadurch entdeckt man den Abbau, die Rückentwickelung. Das lebt sich als Hunger aus, und das Gegenbild des Hungers in der Seele ist das Gedankenleben und die Vorstellung. Es handelt sich also darum, daß ein ganz normaler Vorgang unseres Organismus diese Rückentwickelung bewirkt, daß wir während unseres ganzen Wachlebens immer in einem partiellen Hunger sind, und diesem Hunger verdanken wir unser Bewußtsein; und wie wir uns unseres Hungers im Magen bewußt werden, wenn er knurrt, so sind wir uns unseres Denkens dadurch bewußt, daß der Kopf hungert.