Über das Wesen des Christentums
Es ist der theosophischen Weltanschauung ganzer, voller Ernst damit, den Wesenskern aller Religionen herauszufinden, den springenden Punkt, der jedem Herzen Nahrung gibt, in welchem die einheitliche Wahrheit aller Religionen vorhanden ist. Wie sollte es da möglich sein, dass die Religion, durch welche eine Umwälzung der ganzen Kulturströmung erfolgt ist — das Christentum —, verkleinert würde durch die Theosophie? Im Gegenteil, die Theosophie öffnet uns den Einblick in die tieferen Wahrheiten desselben. Es wird der Theosophie vorgeworfen, sie sei Buddhismus. Es ist wahr, sie [hat] wohl zuerst den Wesenskern in dieser Religion besonders gefunden; aber je tiefer die Forscher in der vergleichenden Religionsforschung vorgedrungen sind, desto tiefer haben sie auch die Wahrheiten des Christentums erfasst. Davon legen Zeugnis ab die Bücher «Esoterisches Christentum» von Annie Besant und «Das Christentum als mystische Tatsache» von Rudolf Steiner. Das Christentum hat einen harten Kampf zu bestehen. Der Materialismus, dessen Hochflut sich in den Siebzigerjahren [des neunzehnten Jahrhunderts] ergoss, hat die Menschen von der Kirche fortgetrieben. Andererseits führt die Theosophie wieder zum Christentum zurück. In eigenartiger Weise wird der wissenschaftliche Geist, der sich in dem landläufigen Christentum nicht befriedigt fühlte und dadurch abgestoßen wurde, durch die theosophischen Erklärungen beruhigt, kehrt wieder zu demselben zurück und fängt an, es zu verstehen.
Cite:
GA 68a/1905-01-23/p004 · edition original