Über das Wesen des Christentums
Die Erscheinung Jesu Christi ist eine historische Tatsache. In den Mysterien nun wurde der «Tod» durch einen tiefen Schlaf, anderer Art als der gewöhnliche Schlaf, vollzogen. Der Schüler erlebte wirklich eine Art von Sterben und Auferstehen. Die große Tragödie hat sich dann als wirkliche Tatsache durch den Tod und die Auferstehung Christi öffentlich vollzogen. Das Vorgehen in den Mysterientempeln war nur ein Abbild dieses großen Ereignisses. Die Propheten, die Mysterienschüler waren, trugen sich mit Hoffnung auf die Möglichkeit der wirklichen Erfüllung dessen, was sie in den Tempeln als Vor-Bilder gesehen hatten. Und was sie von ihren Messias-Hoffnungen der Welt mitteilten, war ein Teil dessen, was durchgesickert war von dem, was sie in den Geheimschulen empfangen hatten. Das Neue, das Jesus bringt, ist das Wort: «Selig, wer glaubt, ohne zu schauen» (Joh 20,29) —, nämlich das zu schauen, was in den Mysterien gezeigt wurde. Jetzt sollten die, die nur glaubten, selig werden können. Wer etwas vom Wesen des Christentums versteht, weiß, was das heißt, Christus in sich zu erleben. Dieses Erleben war vor Christi Kreuzestod nur möglich innerhalb der Mysterien; nach demselben kann es jeder erleben, der da glaubt. Ein solches Erlebnis, wie Paulus es hatte vor Damaskus, war vor der Erscheinung Christi im Fleische nicht möglich. Der geistige Christus erschien ihm; nun konnte er zeugen von dem Leben.
Cite:
GA 68a/1905-01-23/p024 · edition original