Über das Wesen des Christentums

GA 68a/1905-01-23/p032 ·1905-01-23 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Die Theosophie hat nun die Aufgabe, für das Christentum Persönlichkeiten zu schaffen, die aus eigenster Erfahrung Zeugnis ablegen können von dem, was sie geschaut und erlebt haben. Erst wer Christus in sich erlebt hat, kann die wahre Erkenntnis erlangen. Leicht ist es nicht für die Christen der Jetztzeit, sich in diese ihnen neuen Gesichtspunkte hineinzufinden. Es geht ihnen, wie es den Gelehrten im Mittelalter ergangen ist in Bezug auf die Weltweisheit, wo ihnen Aristoteles als einzige Autorität galt. Als Galilei durch eigene Beobachtungen des Lebens zu ganz anderen Resultaten gekommen war über die Beschaffenheit und die Tätigkeit des Herzens und des Blutumlaufs als Aristoteles, teilte er diese seine Entdeckungen einem Freunde mit. Dieser ließ sich die Sache erklären, fand sie einleuchtend, dann aber wies er diese Neuerung weit von sich, sie könne nicht wahr sein, denn im Aristoteles stände die Sache ganz anders, der habe allein recht. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Buchstabenglauben von heute der Religion gegenüber, die auf eigener unmittelbarer Anschauung beruht. Die Religionswahrheiten können ebenso durch eigene Anschauung nachgeprüft werden, wie heutzutage die ganze Naturwissenschaft sich auf eigene unmittelbare Forschung stützt und nicht auf den Buchstabenglauben an die geschriebenen Überlieferungen früherer Forscher. Man lässt nur die Tatsachen gelten, die in der Natur beobachtet werden, lässt die Tatsachen selbst reden. Was die Theosophie in bezug auf die Seele lehrt, beruht auf unmittelbarem Erkennen geistiger Vorgänge durch eigene Anschauung. So zeugt die Theosophie von dem Wesen des Christentums. Ihr Beruf ist, solche Zeugen zu schaffen, die durch unmittelbare Anschauung erkennen können.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/68a/1905-01-23/p032.json
Cite: GA 68a/1905-01-23/p032 · edition original