Germanische und indische Geheimlehre

GA 68a/1906-04-22/p028 ·1906-04-22 · original (original)
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Eine Grundlage für die theosophische Weltanschauung finden wir in einem Werke Ludwig Laistners: «Rätsel der Sphinx» über Mythenforschung. Wie so oft der Theosoph von dem Nichttheosophen am meisten lernen kann, dürfen wir hier von seinen Grundprinzipien ausgehen. Gehen wir von einer einfachen Volkssage aus, von der Sage über die Mittagsfrau. Sie lebt in den verschiedensten Gegenden und hat folgenden Inhalt: Wer früh morgens auf das Feld geht, um zu arbeiten, und versäumt, zur gehörigen Stunde, in der Mittagspause zwischen zwölf und ein Uhr, nach Hause zu gehen, dem erscheint die Mittagsfrau und stellt ihm Fragen, die schwer zu beantworten sind, über Leineweben, Flachsbau und dergleichen auf seine Tätigkeit Bezügliches. Die ganze Zeit der Mittagspause werden Fragen an ihn gestellt, die er alle beantworten muss. Verfehlt er auch nur eine, so kommt sie mit der Sichel und schneidet ihm den Hals ab. In manchen Gegenden heißt es, man könne sich ihrer entledigen, indem man das Vaterunser hersage, aber nicht so einfach, nicht von vorne, sondern von hinten müsse es aufgesagt werden. — Es besteht in Bezug auf diese Sage noch der Spinnstubenspruch: «Du fragst wie die Mittagsfrau.» Laistner deutet folgendermaßen: Diese Sage hat ihren Ursprung in jenem Zustande, der in dem Menschen herbeigeführt wird, wenn er draußen auf dem Felde bleibt und etwas einschläft. Dann wirkt die Umgebung so, dass immer in ähnlicher Weise der Traum diese Form annimmt. Laistner verfolgt alle diese Sagen bis zum Rätsel der Sphinx. Es ist dieselbe Fragepein, die sich bei dieser findet. Dazwischen liegt eine ganze Welt von Mythen und Sagen. Sie hat nichts mit Volkspoesie zu tun, sondern erklärt sich aus dem, was der Traum bei dem Schläfer leistet. Der Traum ist der Hauptsymboliker. Man fängt im Traum einen Frosch, wacht auf und hat den Zipfel der Bettdecke in der Hand. Sagen und Mythen haben ganz einfach in der Traumphantasie ihren Ursprung. Von da hätte Laistner nur noch einen Schritt bis zur theosophischen Auffassung gehabt, nach der es nicht nur den gewöhnlichen Alltagsbewusstseinszustand gibt, sondern noch einen andern Bewusstseinszustand, der wie die Traumbilder den äußern Dingen einen anderen Sinn gibt: Den Zipfel der Bettdecke in das Bild eines Frosches umgewandelt. Der Traum, ein Mittel der okkulten Entwicklung, gibt Sinnbilder einer höheren geistigen Welt. Dann entsteht gegenüber diesem gewöhnlichen Traumzustand ein höherer Bewusstseinszustand, in dem der Mensch in seinem Bewusstsein sinnlicher Wahrnehmer wird. Was für den Menschen hineinleuchtet in das dämmernde Bewusstsein aus dem höheren Bewusstseinszustand, ist der Traum. Dieser Zustand ist auch bei den Medien in dumpfer Form vorhanden im Trance: Das Tagesbewusstsein ist ausgelöscht, und ein dämmerhaftes Bewusstsein ist eingetreten.

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Cite: GA 68a/1906-04-22/p028 · edition original