Bibel und Weisheit
Wenn von den Erzvätern gesprochen wird und deren Alter in Riesenzahlen angegeben wird, dann müssen wir das so verstehen, dass diese sogenannten Erzväter als Repräsentanten für Stämme angesehen werden müssen. Die Bibelforscher taten das zwar schon längst, doch wussten sie nicht, was eigentlich dahinterstecke. Wenn wir uns da nun erinnern an den Vortrag «Blut ist ein besonderer Saft», da finden wir eine besondere Anwendung des Wortes «Bewusstsein». Wer da festhält daran, dass es eine Entwicklung gibt, der muss auch zugeben, dass alles in Entwicklung ist; auch das Bewusstsein. Das Bewusstsein, was wir heute haben, war nicht immer da, es entwickelte sich aus einem andern Bewusstsein heraus, das dämmerhaft, traumhaft war, das in Bildern im Menschen lebte. Diese Art des Bewusstseins, das dumpf und hellseherisch zugleich war, hing an einer ganz bestimmten Tatsache. Die Menschen lebten damals in kleinen Gemeinschaften, alle Völker, in deren fernen Ursprung wir untertauchen, zeigen dasselbe, je weiter die Geisteswissenschaft zurückgeht, desto kleinere Volksverbände zeigen sich ihr. Es galt als unsittlich, aus diesen kleinen Volksverbänden herauszuheiraten. Erst später wurde dies Prinzip der Nah-Ehe durch das Prinzip der Fern-Ehe unterbrochen, und mit dieser Unterbrechung fängt auch die Entwicklung des dämmerhaften Bewusstseins zu dem heutigen verstandesmäßigen Bewusstsein zusammen. In den Angehörigen jener alten Stämme lebte ein ganz anderes Gedächtnis; das, was der Vater, der Großvater erlebte, das lebte im Sohn, als ob er selbst es erlebt habe. Die durchziehenden Kräfte von den Vorvätern, die rannen durch das Blut dieser in engen Blutsverbänden zusammengeschlossenen Stänmme, und zwar in einem solchen Grade, dass der Nachkomme sich der Geschehnisse seiner Vorfahren so erinnerte, als ob er selbst sie erlebt habe; das war im Blut, das rollte durch Generationen hindurch. Der Sohn erinnerte sich und sagte: Ich habe das erlebt —, was Vater und Großvater et cetera erlebt hatten. Solange sich dies Ich — dies Stammes-Ich — erhielt, sprach man von derselben Wesenheit mit demselben Namen. Es ist Adam das durchgängige Ich des Adam, man bezeichnet damit das, was sich hinvererbt durch viele Generationen von Adam, nicht die Person des Adam.
Cite:
GA 68a/1907-04-25/p003 · edition original