Bibel und Weisheit II

GA 68a/1907-05-24/p014 ·1907-05-24 · original (original)
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Da haben Sie die letzten Überbleibsel dessen, was einmal in viel höherem Grade in der ganzen Menschheit vorhanden war. Verdeutlichen Sie sich das, so werden Sie sagen müssen: Die Art und Weise Anzengrubers wirkte so, dass eine dunkle Kraft des Bewusstseins sich im Blute herunterlebt durch seine Vorfahren bis zu ihm selber, und das lebte sich in ihm aus. Denken Sie sich diesen Bewusstseinszustand gesteigert, ihn so weit gesteigert, dass derjenige, der Sohn ist, wirklich sich an das noch erinnern kann, was der Vater erlebt hat, ja, was der Großvater erlebt hat, dann haben Sie jenen dämmerhaften Hellseherzustand nach einer gewissen Seite charakterisiert, der einmal allen unseren Vorfahren eignete. Es rumort im Blute ein viel höheres, ein wirkliches Gedächtnis dessen, was die Vorfahren erlebt hatten, und so wahr es ist, dass der heutige Mensch mit seinem Gegenstandsbewusstsein nur dasjenige aufbewahren kann, was er selbst seit seiner Kindheit erlebt hat, so wahr ist es, wenn es auch unglaublich und grotesk der heutigen materialistischen Vorstellungsart erscheint — so wahr ist es, dass es eine Zeit gegeben hat, in der ein dämmerhaftes Hellsehen vorhanden war so, dass die nachfolgenden Generationen sich dessen erinnerten, was Vater, Großvater, Ahne und Urahne erlebt hatten. Nicht bloß ein dunkles Gefühl dessen rumorte im Blute, das aus der Verwandtenehe hervorgegangen war, ein wirkliches Gedächtnis davon war es. Nun wollen wir sehen: Was war die Folge eines solchen ganz anderen Bewusstseinszustandes? Die Folge davon war eine ganz andere Namensgebung, als sie heute innerhalb der Menschheit stattfindet. Heute nennt der Mensch sein Ich das, was zusammenhält die Erlebnisse seiner Person seit seiner Jugend. Das war anders damals. Denken Sie sich jene Menschen, die ein deutliches Erinnerungsvermögen auch für das hatten, was ihre Vorfahren erlebt hatten, die bezeichneten mit «Ich» auch das, was erlebt worden war in ihren Vorfahren die Generationen hinauf. Es erzählte also jemand — wenn man sich radikal ausdrücken will — die Erlebnisse seines Großvaters als diejenigen seines eigenen «Ich». So sagte er: Mein Ich hört nicht auf bei meiner Geburt, es reicht die Generationen hinauf, und deshalb gab man in solchen fernen Zeiten, von denen allerdings keine Berichte und Urkunden melden, so gab man dem, was sich da erinnerte, einen einheitlichen Namen, und so müssen wir für jene alten Zeiten den Sinn der Namensgebung erst verstehen lernen. Namen hatten dazumal nicht bloß die einzelnen Personen, einen Namen hatte der Zusammenhang aller Erlebnisse, in denen man selbst gegenwärtig war seinem Gedächtnis nach, und wenn wir das wissen, dass es Namen gab, die viele, durch Jahrhunderte hindurchgehende Generationen bezeichneten, dann verstehen wir ein wichtiges Kapitel, in dem die Patriarchen durch Jahrhunderte hindurch gelebt haben.

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Cite: GA 68a/1907-05-24/p014 · edition original